by Aegwyrt on 27 Jan 2009 01:03
Friedrich Thiemann
Schade... Du bist unter die Poeten gegangen... Wenn Soldaten anfangen zu denken...
Leo Schlageter
...dann wachsen Generalstäbler!
Friedrich Thiemann
Hat sich was! Da gibt es ästhetisches Geschmuse ...da gibt es Teetassen und russische Gespräche!
Leo Schlageter
Russische Gespräche!... Dein Beispiel spricht trotz allem für mich. Ich wäre zufrieden, wenn aus Rede und Antwort, aus Sätzen und Gegensätzen eine Staatsform, eine politische Wirklichkeit entstünde wie in deinem Rußland!
Friedrich Thiemann
Der Deutsche ist kein Russe!
Leo Schlageter
Nein, er ist kein Franzose und kein Jude und kein Engländer und kein... und kein... Ja, zum Teufel, was ist er denn dann...? Er ist bestimmt auch nicht nur Soldat!
Friedrich Thiemann
Das ist die Frage! Vielleicht ist der tiefste Sinn des Deutschen sein Kampf. Imperialismus, Katholizimus ... alles erfuhr auf deutschem Boden seine Entscheidung! Und jetzt stehen alle Fragen auf einmal zur Diskussion: Marxismus, Liberalismus, Faschismus, Bolschewismus, Parlamentarismus ... Wenn du ein Kerl bist, mußt du Konsequenzen ziehen! Farbe bekennen! Gerade stehen! Kämpfen!! Soldat sein!!!
Leo Schlageter
Oller Fritze! (Lachend.) Dich lockt kein Paradies aus deinem Stacheldrahtverhau!
Friedrich Thiemann
Ne, bestimmt nicht! Stacheldraht ist Stacheldraht. Da weiß ich, woran ich bin... Keine Rose ohne Dornen!... Und zu allerletzt laß ich Ideen mir auf den Leib rücken! Den Kram kenne ich von 18... Brüderlichkeit, Gleichheit ... Freiheit ... Schönheit und Würde! Mit Speck fängt man Mäuse. Auf einmal, mitten im Parlieren: Hände hoch! Du bist entwaffnet... Du bist republikanisches Stimmvieh! – Nien, zehn Schritt vom Leibe mit dem ganzen Weltanschauungssalat... Hier wird scharf geschlossen! Wenn ich Kultur höre... entsichere ich meinen Browning!
Leo Schlageter
Das ist ein Satz!
Friedrich Thiemann
Und treffsicher! Worauf du dich verlassen kannst.
Leo Schlageter
Du bist zum Schießen!
Friedrich Thiemann
Zu nichts anderem!
Leo Schlageter
Aber die Welt ist doch schließlich keine Schießbude!
Friedrich Thiemann
Genau dafür halte ich sie! Oder kannst du im Ernst irgend etwas nennen, was ohne Blut und ohne klare Fronten hier auf dieser Erde geworden wäre? Überall – ich gebe dir sogar die Theologie vor – müssen ein par Patrouillen in die Luft gesprengt werden, ehe etwas zustande kommt. Bei jedem Heilmittel noch, in den friedlichsten Laboratorien, müssen erst ein paar dran glauben, ehe es Markenwäre wird! Nein, mein Liebling, wenn du einen Gedankenrichtig zu Ende denkst: es kommt Scharfschießen dabei heraus!
Leo Schlageter
Wenn schon – denn schon! Also bitte: Reichswehr.
Friedrich Thiemann
Die Reichswehr ist Beamtentum. Kein Wort gegen die Leute... Beamtentum und Republik... das sind Gewissensfragen. Aber abgesehen von diesem persönlichen Geschmack: Wir waren zwölf Millionen unter Waffen – und jetzt braucht man hunderttausend Männchen... Da gibt es in der Branche allerhand Arbeitslose! Deine Bücher quasseln: Kapital schafft Arbeit. Als ob das Kapital die Arbeit erfunden hätte! Umgekehrt wird ein Schuh draus: erst Soldaten! Soldaten schaffen Tatsachen. Die Welt... wir Menschen sind nicht Geister... wir sind Fleisch und Blut, und die Gesetze des Lebens sind daher nicht geistig... sondern blutig! Verstanden!
Leo Schlageter
Als ob ich diese alte Walze nicht kennen würde... Aber da wir bei der Rechtfertigung sind: Was tun Priester?
Friedrich Thiemann
Beten... Aha... Ick hör' dir trappen, Nachtigall... Opfern!
Leo Schlageter
(nickt.) Was opfern sie?
Friedrich Thiemann
Das Beste, was sie haben... Blut!
Leo Schlageter
Blut! Kannst du dir einen Priester denken, der sich vor seinen Altar stellt und den Gläubigen erzählt, daß er kein Blut mehr sehen kann?
Friedrich Thiemann
Nein, sie tun es zum Gedächtnis bis auf den heutigen Tag. Sie brechen den Leib und trinken das Blut.
Leo Schlageter
Soweit das weite Feld der Religionen. Das Leben der Völker hat die gleichen Gründsätze. Herrscher müssen opfern können... müssen Blut sehen können!
1918 konnte der deutsche Kaiser plötzlich kein Blut mehr sehen. Er entband uns unseres Eides. Das Gottesgnadentum... das Geheimnis... das Mysterium der Verantwortung... alles Unsagbare löste er damit auf! Der Rest ist Demokratie. Der fromme, tumbe Dienst des Soldaten war damit am Ende!... Schwätzer will ich nicht werden... Also mache ich als namenloser Zivilist brav Examen.
Friedrich Thiemann
Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!
Leo Schlageter
Ganz richtig! Fürchterliche Ruhe! Eiserne Ruhe!! Ruhe vor dem Sturm... Die Sache, die die Brüder da aufgezogen haben, die Sache von Weltgemeinschaft und Humanität, von Weltwirtschaft und Europa, von Völkerfrieden und so weiter zu Ende führen! Diese Buchführung, diese Rechnung stimmt nicht. Aber ihre Majestät die Majorität glaubt daran. Man muß ihr dienen. Ganz teuflisch gewissenhaft ihr sinnloses Opfer sein bis zur Katastrophe... bis zum Bankrott!
Friedrich Thiemann
Inzwischen verläuft dein Leben.
Leo Schlageter
Opfer!... Ob ich mit zwanzig an einer Kugel, mit vierzig am Krebs, mit sechzig am Schlag eingehe, das ist doch gehauen wie gestochen. Die Hauptsache: das Volk muß nach Priestern schreien, die den Mut haben, das Beste zu opfern... nach Priestern, die Blut, Blut, Blut vergießen... nach Priestern, die schlachten!
Friedrich Thiemann
Warum wirst du Kaufmann? Du könntest Priester werden...
Leo Schlageter
Priester werden...? Das wird man nicht durch Examina... Das wird man durch Befehl!
Friedrich Thiemann
Das riecht nach Mönchszelle!
Leo Schlageter
(froh und aufatmend.) Im Gegenteil! Nach Büroräumen! (Er reibt sich die Hände.) Die Technik der Erfolgsberechnung der doppelten Buchführung... Das ist hier die Frage! Stehen Sie mir Rede, Herr! Nennen Sie die elf Punkte der Wertveränderung des Kapitals bei Namen... Weltwirtschaft, Horatio!
Friedrich Thiemann
Welch edler Geist ward hier zerstört... (Es klopft.) Reiß gefälligst deine Knochen zusammen. Das ist meine Schwester... Sie wollte uns abholen... (Es klopft zum zweitenmal.)
Leo Schlageter
Herein.
Zweite Szene
(Alexandra, die Schwester Thiemanns, tritt ein.)
Alexandra
Donnerwetter... Hier hat die Arbeit aber geraucht!
Leo Schlageter
Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein! (Will ein Fenster öffnen.)
Friedrich Thiemann
Ich höre immer: gnädiges Fräulein?
Alexandra
Da hat Friedrich recht! ,,Gnädiges Fräulein” ist ein bissel zu viel für mich... Wenn Sie Alexandra zu mir sagen mögen? Ich würde mich freuen! (Gibt Leo die Hand.)
Leo Schlageter
Gut! Also: Grüß Gott, Fräulein Alexandra!
Alexandra
Guten Tag, Herr Schlageter.
Leo Schlageter
Nein, das geht dann auch nicht, daß ich Alexandra sage und Sie: Herr Schlageter!
Alexandra
Gern! Guten Tag, Herr Leo.
Friedrich Thiemann
So... habt ihr zwei Chinesen nun die ersten Präambeln der nötigsten Zeremonien abgeschlossen? Wie geht es der Schreibmaschine Triumph?... Die Restbestände der Poesie verflüchten zu Markenzeichen...
Alexandra
Dieser Triumph liegt im Fieber! London meldet den Dollar gleich 22000 Mark!
Friedrich Thiemann
Die Börse als Walstatt, der Dollar als Feldgeschrei! Wie nobel ist doch dagegen ein Maschinengewehr!
Alexandra
Reitet er wieder sein Steckenpferd?
Leo Schlageter
Wie gefällt Ihnen die Stadt? Der Dienst?
Alexandra
Oh, ich bin nicht verwöhnt... Mir gefällt immer alles... Sie wohnen lustig. Friedrich nannte Ihre Bude immer: Unterstand. Ich hatte mir da etwas Dunkles vorgestellt... eine Räuberhöhle...
Leo Schlageter
Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?
Alexandra
Nein, ich danke, Herr Leo, ich rauche nicht.
Friedrich Thiemann
So was raucht doch nicht!
Leo Schlageter
Ein Schnäpschen gefällig, Fräulein Alexandra?
Friedrich Thiemann
Nein, danke... So was säuft doch nicht!! So einem gelben Küken – du hast eben keine Lebensart – bietet man die letzte Nummer des Millionsblattes oder des Kränzchens an!
Alexandra
Quatsch! Aber sieh mal, Friedrich, da ist ein ganzes Regal voll Bücher, und dein Freund ist doch bestimmt kein Bibliothekar! Friedrich behauptet immer: Bücher wären feminin... Sogar Mörike! Du alter Lügenpeter solltest dich schämen! Er hat gesagt, bei Ihnen lägen Handgranaten und Gasmasken nur so herum. Als Stühle hätten Sie Maschinengewehre!
Friedrich Thiemann
Halt den Schnabel, alte Lerche! Leo ist umgezogen... in jeder Hinsicht! Er ist unter die Studenten gegangen... Schläger und Couleurband... Photographien von Altheidelberg sind sein neues Genre. Die heilige Barbara kriegt Kolik, wenn sie den ehemaligen Feldartilleristen Schlageter besucht!
Alexandra
Wie gut, daß ich nicht die heilige Barbara bin. Mir gefällt es so viel besser. Fort mit den alten Kriegsrequisiten! Jetzt heißt die Tapferkeit wieder Zivilcourage!
Friedrich Thiemann
Tscha! und Mama und Papa ist die Losung! Und das kleine Schwesterchen das Feldschrei... und ritterlich und tanzstundenfromm der ganze Benimm! Herrgott! Wenn ich bloß dem Familienrummel und Tantentrara den Krieg erklären könnte!
Alexandra
Das hast du gar nicht nötig. Du hast mit dem Anstand von Anfang an auf dem Kriegsfuß gestanden! Du warst schon als Quintaner Rauhpatz... Dazu brauchte es wirklich keinen Weltkrieg.
Leo Schlageter
Bitte setzen Sie sich, Fräulein Alexandra... sonst wachsen Sie Ihrem Bruder über den Kopf.
Friedrich Thiemann
...auf dem sich keine Laus mehr hält, so gründlich hat er ihn mir gewaschen!
Alexandra
Fein! Das ist lieb von Ihnen! Uns... die Eltern und mich, nimmt er nicht ernst... Wir haben den Krieg nicht mitgemacht. Kriegserlebnis, das ist sein drittes Wort... Als ob Mutter nur friedlich gegessen, getrunken, geschlafen hätte! Als ob Vater ein lumpiger Drückeberger... als ob ich eine dumme Gans, weil ich keine Materialschlacht mitgemacht habe! Bitte, lassen Sie mich aussprechen! Ich verstehe alles... Die Mißachtung der Frontschweine mußte euch zum Explodieren bringen... Aber alles Ding hat seine Grenzen ... und Berechtigungen hat auch die Zivilbevölkerung! Ich meine bestimmt nicht Politik und kleinen Haß und dergleichen Schmutz... Ich meine eure Eltern, eure jüngeren Brüder ... ja, eure Schwestern... Von uns seid ihr vier Jahre lang auf den Händen getragen worden... Wir haben euch empfangen, so gut, so lieb, so verwandt, wie wir nur konnten... Statt nun aber wirklich heimzukehren und das Gesetz des Hauses zu achten, zeigt ihr ununterbrochen die Trennungslinie... Oh, ihr seid anders als die alten Bramardasse – ihr erzählt keine Heldentaten ... der moderne Held ist viel zu fein dafür! Er schweigt! Er verachtet die anderen! Lassen Sie mich zu Ende sprechen, Herr Leo!
Und wenn man euch fragt: Was wollt ihr eigentlich? Wir lieben diese schäbigen Kompromisse... diese Judenvorherrschaft, diese Bonzenbürokratie, und wie immer eure Schlagwörter lauten mögen, ebensowenig wie ihr!
Aber schließlich habt ihr euch doch die Epauletten von den neuen Herren herunterreißen lassen! Wir... wir können doch nichts dafür, daß sich das ganze Offizierkorps durch einen roten Federstrich auflöste wie Salz im Wasser? Laßt mich reden! Ihr halben Helden! Ja, und dreimal ja: wir könnten euch Vorwürfe machen!!
So... das mußte einmal herunter von der Leber!
Friedrich Thiemann
Die hat ein Tönchen am Leibe, was?
Leo Schlageter
Soweit sind Sie im Recht, Fräulein Alexandra... Nur täuschen Sie sich – meine ich – in einem: Wir haben die Epauletten heruntergetan ... wir sind euch entgegengekommen, um des lieben Friedens willen... Wahrscheinlich ein großer, nicht wieder gutzumachender Fehler. Er geschah aus Liebe! Wir halben Helden, Fräulein Alexandra, wollten nicht über Nacht mit veränderter Front gegen die innere Hälfte unserer Welt kämpfen... Wir wollten Deutschland nicht mit Epauletten und Handgranaten erobern! Wir glaubten, daß Deutschland eben so geworden sei, wie es sich gab, und wir glaubten in unserer Dummheit, daß wir ein verlorener Haufe wären... daß wir im Trommelfeuer ein Jahrhundert menschlicher Zivilisation... ein Jahrtausend meschlichen Fortschritts verschlafen hätten! Der Soldat ist schwer von Begriffen. Er dient treu wie ein Knecht seinem Bauer. Und nun, da wir Kameraden alle sehr einsam wurden und jeder sich mutterseelenallein auf sich selbst gestellt sieht, sehen wir langsam ein, daß wir gar nicht in Deutschland sind... daß wir gar nicht zu Hause sind... daß wir unter Fassaden potemkinscher Dörfer leben ... daß die Verbrüderung, von der man uns sprach, Kitsch ist, daß wir hier Fremdkörper sind, wir Kameraden! Daß wir wie ein Filmstreifen sind: hin und her gehetztes Licht und hin und her gehetztes Schatten! Und ganz langsam, Fräulein Alexandra, nähen wir uns die Epauletten wieder an die Waffenröcke... Jeder für sich auf seine Weise... Und eines Tages... sind wir Deutschland! (Unheimlich.) Gemütlich wird das nicht, denn wir sind Brüder von einem ganz eigenen Schlage! Wir sind keine kaiserlichen Soldaten, keine republikanischen... wir sind Deutsche!
Da weiß niemand, was das heißt und woran er ist... Das Wort ist so verrätselt und versiegelt geblieben, wie es schon dem Tacitus war...
Und wenn ich meinem Kameraden, Ihrem Bruder, die Meinung sagte, dann dürfen Sie das nicht mißverstehen, Fräulein Alexandra... Ihr alle versteht so etwas immer falsch. Wir sind keine Söhne mehr, keine Brüder, keine Väter, überhaupt keine Verwandten... Wir sind nur noch Kameraden!! Und denken Sie ja nicht, wir stürben aus... unsere Generation wäre bald überaltet und begraben... Das Wunderbare ist, daß zu uns immer mehr Deutsche stoßen. In jeder Stube wächst eine kleine Gemeinschaft von dergleichen Ordensbrüdern. Wir haben keinen Namen, kein Programm. Nichts von dem, was ich Ihnen da sage, ist beweiskräftig... Nehmen Sie es als Spuk...
Friedrich Thiemann
Leo! Junge!! Mir aus der Seele gesprochen...
Leo Schlageter
Hier treiben wir jetzt unsere Sappen... die Klassifikation der Konten... Bücher der doppelten Buchführung.. Wir fürchten nichts! Das ist das einzige, was von uns feststeht!
Friedrich Thiemann
Seit Wochen hält der die Schnauze... Irre konnte man an ihm werden... und auf einmal redet er... redet er...
Leo Schlageter
Ich wollte deiner Schwester ein anständiger Gastfreund sein.
Alexandra
Herr Leo... Besteht die Möglichkeit, daß ein Mädel wie ich... Kamerad von euresgleichen wird?
Leo Schlageter
Bestimmt, Fräulein Alexandra!