Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

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Aegwyrt
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Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 00:59

What follows is Hanns Johst's Schlageter Schauspiel. If you find any errors such as missing text or typos, please post the error and its location in the text and I shall rectify the error.

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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:00

Hanns Johst

Schlageter

Schauspiel






Für Adolf Hitler
In liebender Verehrung
und unwandelbarer Treue

Personae dramatis

Leo Schlageter
Peter Fischer, sein Bursche
Professor Thiemann
Frau Professor Thiemann, dessen Frau
Alexandra } deren Kinder
Friedrich }
Schneider, Regierungspräsident
August Schneider, sein Sohn
Willi Klemm, M.d.R.
Exellenz General X.
Übernitz }
Hausser }
Redwitz } Kameraden von Schlageter
Wittig }
Gornow }
Bürodiener, Kriminalwachtmeister, Sekretär Mente

Aegwyrt
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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:02

Erste Akt
Erste Szene

Leo Schlageter
Wir kommen zu den internen Verrechnungsbuchungen. Welche Konten stellen den Wirtschaftserfolg dar?

Friedrich Thiemann
Also... zunächst... Bewertungskonten.

Leo Schlageter
(nickt.) Ja... das sind?

Friedrich Thiemann
Abschreibungskonten... Erneuerungsfondskonten... Delkrederekonten.

Leo Schlageter
Richtig!... Und was folgt auf die Bewertungskonten?

Friedrich Thiemann
Erfolgsregulierungskonten für transitorishe und antizipierende Erfolgsrechnung.

Leo Schlageter
Auf die Erfolgsverrechnung folgen?

Friedrich Thiemann
Die Abschußkonten. Schlußbilanzkonto, Gewinn- und Verlustkonto, Kapitalkonten... Stammkapital- und Reservekapitalkonten.

Leo Schlageter
Schließlich und endlich...?

Friedrich Thiemann
Gewinnverteilungskonten für Kapitalgesellschaften.

Leo Schlageter
Ja ... und die Gewinnverteilungskonten werden gebucht ... als?

Friedrich Thiemann
Tantieme ... Gratifikation ... Dividenden ... und Gewinnvortragskonten.

Leo Schlageter
Gut! Das sitzt!... Wir kommen jetzt zu den Kontentheorien. Was kannst du mir darüber sagen?

Friedrich Thiemann
Daß sie eselsgrau sind, wie alle Theorie, und daß sie mir zum Halse heraushängen!

Leo Schlageter
Richtig!... und weiter?

Friedrich Thiemann
Daß Götz von Berlichingen die einzig richtige Einstellung zu ihnen in dem gleichnamigen Werke von Goethe, Seite 129, fand!

Leo Schlageter
Jetzt laß gefälligst deine Witze. Wir müssen den Kram können! Da hilft uns kein Gott!!

Friedrich Thiemann
Der wird sich hüten! Der wird sich vor Kontentheorien hüten, der alte Herr!

Leo Schlageter
(sachlich referierend.) Also: die Kontentheorien versuchen eine Systematisierung der Konten nach Verrechnungsstoff und Vorzeichen. Ihre Schwäche liegt in der Anwendung mathematischer Vorzeichen ... Warum...?

Friedrich Thiemann
(intoniert.) Warum? Ei darum!
Bloß wegen der Tschintrara... der Tschintrara... bumm, bumm!

Leo Schlageter
(bleibt bei der Sache.) ... sobald diese Theorien mit den algebraischen Vorzeichen operieren, sind sie angreifbar, denn die Vorzeichen können sich, wenn man verständlich bleiben will, doch nur auf den Verrechnungsstoff des betreffenden Kontos beziehen. Die Geschäftstheorie verwendet Plus und Minus im Verhältnis der Konten des Geschäfts zum Geschäftsinhaber... Wie heißt übrigens die Geschäftstheorie noch?

Friedrich Thiemann
Einkontentheorie.

Leo Schlageter
Jawohl... Und wie werden die Geschäftstheorie und die Zweikontentheorie auch genannt ...? ... na? Im Gegensatz zur Personifikationstheorie...? ... Materialistische Theorie!! Mensch, das mußt du wissen, sonst fliegst du mit Pauken und Trompeten durch!!

Friedrich Thiemann
Stopp!! Pauken ... Trompeten ... Fliegen ... Das laß ich mir gefallen, Leo!... Wenn man den Motor abstellte... und so reinschlitterte... immer rin in die Musike!... Das waren Töne, das war Praxis! Kein Schimmer von einer Theorie!... Büffeln und Ochsen! Ja, Büffel und Ochsen sind wir geworden!! Und dabei hieß meine Kiste der Falke... Das kann man wohl eine Notlandung nennen. Mittenmang auf den grünen Tisch! ... Manchmal denke ich, ich träume den ganzen Salat... und ich horche immer auf das Telephon... gleich muß es scheppern: ,,Hier O.-K 7 ... Neunzehnzwanzig Aufklärungsflug'' ... Ich höre dann den langen Lulatsch, den ewigen Emil... der hatte ein Stimmchen... so was von Rotsponrost in den Drähten! Aber ein Prachtkerl!!... Und jetzt...? Was gehen mich alle Konten der Welt an? Zuwas existiert denn das Bankgeheimnis, wenn man diesen ganzen Scheißdreck öffentlich deklamieren muß? Und weißt du, was ich am wenigsten verstehe?

Leo Schlageter
(trocken.) ... die Personifikationstheorie!

Friedrich Thiemann
Falsch! Grundfalsch!! Nämlich: Dich!! Spaß beiseite ... jetzt muß ich dich mal examinieren: Du warst doch ein ausgekochter Frontknochen, und jetzt treibst du dich in der doppelten kaufmännischen Buchhaltung von Herrn Friedrich Leitner herum, als ob du ein grasgrünes erstes Semester wärst... Ich glaube, Leo, du bist ein Streber! Zu dir hat man gesagt: ,,Leo, es ist Krieg! Hier hast du eine Flinte ... schieß schön Franzosen tot!” Und Leo hat totgeschossen... und die Orden sind wie Spargel aus deiner Heldenbrust geschossen...
Und dann hat man zu dir gesagt: ,,Leo, es ist Frieden! Hier hast du den Grundriß der Buchhaltung und der Bilanzkunde!” und Leo lernt auswendig! Und die Doktortitel und die Kommerzienratstantiemen brechen wie Furunkel aus deinem Spießernacken...

Leo Schlageter
Genau so ist es!.. Ausgezeichnet... Richtig!! Und nun kommen wir zu den zwei Kontenreihen: Bestandskonten und Konten des Reinvermögens...

Friedrich Thiemann
Drückeberger!

Leo Schlageter
Halts Maul!! ... Die Bestandskonten führen Rechnung über die Veränderungen, Zunahme und Abnahme in den aktiven und passiven Vermögensteilen...

Friedrich Thiemann
Halts Maul, mein Junge! ... Jetzt mal nichts wie Pause und ein Stäbchen unter die Nase, die ich genügend pläng habe... So geht das nicht weiter! Das nimmt sonst ein schlimmes Ende, und wir sind schon heute abend Generaldirektoren! (Sie brennen sich beide eine Zigarette an.) Da stimmt etwas nicht... ganz im Ernst, Leo... da stimmt etwas absolut nicht!

Leo Schlageter
Was stimmt nicht?

Friedrich Thiemann
Zwischen uns, Leo, ist etwas nicht in Ordnung! An der Zündung hapert's. Sonst: ein Blick, und das Einverständnis war da! Und jetzt...? Wir quasseln aneinander vorbei... wir hören einander Lektionen ab...

Leo Schlageter
Du siehst Gespenster! Wir waren Kameraden, Friedrich, und jetzt sind wir halt Kommilitonen geworden... Wir waren Soldaten, und jetzt sind wir akademische Bürger...

Friedrich Thiemann
Was sind wir geworden...? Du bist plemplem! Kamerad... Kommilitone? Soldat... akademischer Bürger? Ja, war denn in Dreiteufelsnamen die ganze Kameradschaft bloß ein Fetzen feldgraues Tuch? Bist du in Zivil ein anderer Kerl als in der Litewka? Hast du mit den Achselklappen den alten Schlageter in die Hosentasche gesteckt?

Leo Schlageter
Lieber kleiner Fritze... Ich bin nicht blind... Ich bin nicht taub... Vielleicht hast du recht, und ich darf nicht länger stumm bleiben. Du und die anderen... ihr alle kreist um mich herum wie um einen feindlichen Ladebahnhof ... Ihr photographiert wie die Wilden... Und ihr bekommt nicht heraus, was los ist. Ihr stellt eine Bewegung fest... und ihr wißt nicht, wohin die Reise geht. Ist es so?

Friedrich Thiemann
Präzis eingeschossen!

Leo Schlageter
Siehst du... und ich halte nicht gern Reden... Es kommt nichts dabei heraus. Entweder man mag sich, dann ist alles allright, was der andere tut... oder der Kontakt ist zerschossen, dann geht eben kein Gespräch mehr durch, oder der Feind hört sozusagen immer mit... Ich möchte dich am liebsten fragen: Kannst du schweigen?

Friedrich Thiemann
Ja... aber ja!

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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:02

Leo Schlageter
Siehst du... ich auch!!

(Pause)

Friedrich Thiemann
Nein! Das ist nicht richtig, Leo! Wir waren vier Jahre im Feld...

Leo Schlageter
Wer was das nicht? Da sehe ich nichts Besonderes... Da sehe ich keinen Grund, redselig zu werden. Im Frieden diente man sein Einjährig-Freiwilliges ab und im Kriege sein Vierjährig-Freiwilliges... Darüber ist doch kein Wort zu verlieren! Dann kleckerte das Baltikum nach ... Oberschlesien... Die Extratouren begannen. Die Führung, die Regierung hatte andere Ideen als wir. Sie setzte Frieden voraus. Das offizielle Deutschland hat Frieden, weil es an den Frieden glaubt!

Friedrich Thiemann
Aberglauben das!

Leo Schlageter
Aberglauben hin... Glaube her... Wer ist kompetent?

Friedrich Thiemann
Der Arschlöscher in Berlin bestimmt nicht!

Leo Schlageter
Bestimmt die Herren, die du da eben nur sehr teilweise nanntest! Um sie gruppiert sich nämlich die sogenannte Repräsentation... der Staat. Wir sind keine Republikaner....? Gut! Die Republik will vor uns auch nichts mehr. Sie will nicht mal etwa von uns wissen! Wir sind ausrangierte, observierte, kaiserliche Offiziere. Wir sind Mohren, die ihre gottverdammte Pflicht und Schuldigkeit getan haben. Und die Republik hat sich weißgewaschen... Wir sind an allem schuld: am Krieg, am verlorenen Krieg... und die ehrenhafte Republik konsolidiert die pleite Firma: Vorkriegsdeutschland!

Friedrich Thiemann
Das ist Kontentheorie!

Leo Schlageter
Nein, das ist Tatsache!! Und diese Sache hört auf den schönen Namen: Geschichte!... Ich habe mir früher oft überlegt, was eigentlich Geschichte sei. Jetzt weiß ich Bescheid.
Die Literaten faseln von Kriegserlebnis ... die psychologischen Institute krabbeln schon wie die Maden in dergleichen Begriffen herum. Wenn aber die Literatur und die Hörsäle etwas zwischen den Zähnen haben, dann ist es schon faul, dann hat es historischen Hautgout... dann ist es Vergangenheit... Geschichte!
Siehst du, so wie auf den Kaiser Ebert folgte, genau so folgte auf den Krieg der Frieden. Und genau so wirklich und wahrhaftig Ebert Reichspräsident ist, genau so wirklich und wahrhaftig und erwiesen ist Frieden!!

Friedrich Thiemann
Frieden hin und Frieden her... und kaiserlich hin und republikanisch her... Ich bin und bleibe der deutsche Offizier Friedrich Thiemann!

Leo Schlageter
Falsch! Illusion! Du bist der Student Friedrich Thiemann, Student der Nationalökonomie... Und alles andere ist Schmarrn, denn wenn einer Droschkenkutscher war, sagen wir vier Jahre lang, und von seiner Firma entlassen wird... was ist er dann?

Friedrich Thiemann
Arbeitlos... Aber...

Leo Schlageter
Und er bekommt Stellung als Chauffeur?

Friedrich Thiemann
Chauffeur... Aber...

Leo Schlageter
Dein Aber ist das Märchen von der alten, guten Zeit! Damals – wird der Mann sagen –, ja, damals, als ich Droschkenkutscher war ... das waren Zeiten!... Und genau so lauft ihr herum und sagt: was ihr im Weltkrieg für Prachtkerle wart. Aber... aber, der Weltkrieg ist vorbei ... aus ... die Handgranate ist altes Eisen. Bleistift und Füllfederhalter sind die Waffen, mit denen man Karriere reitet!

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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:03

Friedrich Thiemann
Eine feine Rede hast du da gehalten... Eine Leichenrede, die sich gewaschen hat mit allen Wasserm europäischer Gesittung. Aber... ja, aber jetzt werde ich dir mal den Kopf waschen, du alter Waschlappen! Daß Vergleiche hinken, davon hast du wohl schon gelegentlich gehört, wie? Ich meine den Droschkenkutscher, der in deinem Gehirn herumkutschiert!
Der Soldat, sehr verehrter Herr Schlageter, ist nämlich etwas anderes als ein Angestellter! Soldatentum gehört zu den freien Berufen!! Falls du, Staatsbürger der akademischen Republik, dir darunter etwas vorstellen kannst. Du weißt zur Not, was ein Pastor ist?

Leo Schlageter
Zur Not!... Ein Pastor ist ein staatlich Angestellter.

Friedrich Thiemann
Ein Menschenkind also, das sich in dieser staatlichen Anstellung erschöpft, ein Verwaltungsbeamter von Gottes Wort... Und weißt du, was ein Prophet ist?... Ein Prophet ist ein gläubiges Menschenkind, einer jener Pfunds- und Mordslackel, die sich hinstellen, wo ihr Gefühl und ihre Überzeugung sie hinbefehlen, hinkommandieren, und die in dieser Stellung sagen: ,,Hier stehe ich, ich kann nicht anders!” Hier Anstellung, Herr Schlageter, und hier Stellung!
Wir waren draußen – Gottverdammich! – nicht auf Anstellung, sondern auf Stellung! Wir waren Freie und Willige, und wir waren gar nicht so saublöd, wie uns heute die Zivilisationsliteraten machen möchten! Und wer damals, die ganze, hübsche Zeit über, Soldat war, der ist es heute noch! Der ist es heute erst recht!! Der trommelt, der pfeift, der blinzelt seine Kameraden zusammen, die der Urlaub, der Heimaturlaub von November 1918, auseinanderbrachte. Und wer Soldat war, dem hängt dieser Heimaturlaub schon längst zum Halse heraus; denn zu Hause fühlt er sich aber auch gar nicht zu Hause...
Und wir, Leo, deine Freunde, wir sehen dich auf deinen feldgrauen Hosen sitzen und sehen an dir willig und frei nur noch das Sitzfleisch. Und wir staunen Bauklötzer, daß wir uns in dir so täuschten!! Herrgott, du warst doch Soldat! Soldat mit Haut und Haaren!!

Leo Schlageter
(aufbrausend.) Herrgott, und jetzt bin ich Student mit Haut und Haaren!

Friedrich Thiemann
Nur die Ruhe! Eins von beiden ist aufgeschminkt. Entweder du warst Soldat, dann bist du es noch! Oder du bist Student... dann warst du nie Soldat!

Leo Schlageter
Entweder – oder! Ihr macht es euch einfach! Bleiben wir bei der Sache: Wir waren grüne Jungen, Da kam der Krieg. Ein Krieg, der uns in seinen Gründen nichts anging, ein Krieg, der uns brauchte. Und so stellen die grünen Jungen ihren Mann...

Friedrich Thiemann
Und der Krieg ist aus, und jetzt sind wir und unsere Generation wieder die grünen Jungen! Und die Alten schwingen große Reden... sie sind Fraktionsvorsitzende, sind Regierungspräsidenten, sind Generaldirektoren, Industriekapitäne, Generalsuperintendenten... sind wirkliche Geheimräte und Oberbürgermeister und verlangen für ihre hohen, großen und langen Titel – Autorität!
Alter und Titel – davor hat der junge Mensch strammzustehen!

Leo Schlageter
Wie alt warst du 1914?

Friedrich Thiemann
Neunzehn.

Leo Schlageter
Da bist du heute achtundzwanzig... In sechs Jahren vierunddreißig... Ich war vierzehn zwanzig Jahre alt. In sechs Jahren ein Fünfunddreißiger... Ja, da braucht es deine ganze Aufregung eigentlich nicht mehr, denn wir kommen auch in die Jahre... ganz automatisch in die Jahre.

Friedrich Thiemann
Damit Deutschland nicht an solcher Altersschwäche zugrunde geht, deshalb ist es unsere Pflicht, jetzt aufzubäumen!

Leo Schlageter
Vielleicht hätten wir 1918 diese Pflicht gehabt. Sturmbataillone gegen Parteifunktionäre! Jugendverbände gegen die alten Opportunisten, die auf dem Boden der Tatsachen den Fortschritt zum Parademarsch erhoben... Wir haben uns damals atomisieren lassen. Wir haben uns im Baltikum, in Oberschlesien im Grunde für diese Konsolidierung eingesetzt...

Friedrich Thiemann
Ja, wir waren Helden!

Leo Schlageter
Jawoll, und in Berlin wurde inzwischen Politik gemacht, und die Helden wurden als grüne dumme Jungens heimgepfiffen und sitzen nun als die fragwürdigen Herren Söhne den ehrenwerten Vätern auf dem Portemonnaie! So stehen die Akten, mein Junge!

Friedrich Thiemann
Hummel... Hummel... Hummel... dicke Luft ... Das ist doch alles Leitartikel. Recht oder Unrecht... möglich oder unmöglich, das ist mir doch alles scheißegal! Ich bin Soldat und ich bleibe Soldat, und wenn die Brüder mir meine alte, ehrliche Uniform klauen, dann bin ich schlankweg ein nackigter Soldat!
Ich kieke mit meinem Feldstecker in die Gegend, und was sehe ich da...? Einen mageren, kleinen Waffenstillstand! Und fünf Minuten vor dreizehn platzt dieser Frieden, der die pure Angst vor Entscheidungen ist, wie eine Bombe. Ich steige in die graue Hose, verkümele mich unter meine Epauletten, spucke in die Hände und singe den Choral von den drei Lilien auf dem Felde...
Und gucke da, mein winzig kleiner Leo, das Ochsen – das sehe ich nicht ein! Wozu erlernen wir ergraute Krieger Buchführung?

Leo Schlageter
Halt dich am Stuhle fest! Nimm Deckung! Es kommt eine Phrase: Fürs Vaterland!

Friedrich Thiemann
Seit 1914 geschieht alles fürs Vaterland. Ob du eine Zigarette kaufst oder eine Buddel Kognak, respektive Weinbrand, alles ist Staatsaktion und bezeiht sich auf das Werbeplakat: Staatsraison! Und Staatswirtschaft!! Und die Wirstschaft hat eine Kurbel... und die Kurbel bedeutet Weltwirtschaft, und die Weltwirtschaft hat Krise in Permanenz, und dagegen ist kein Kraut gewachsen, sondern Notverordnungen...

Leo Schlageter
Und Kontentheorien, mein Junge! Es gibt keine Soldaten mehr, sondern nur noch Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Friedrich Thiemann
...und Nehmen ist seliger denn Geben, denn ein Reicher kommt nur als Kamel in das Himmelreich!

Leo Schlageter
Ganz richtig! Und während Deutchland über diese kirchlichen und nationalökonomischen, sozialistischen und sittlichen Probleme einig wird – vergeht die Zeit, und dein kleiner Waffenstillstand kommt in die Jahre!
Bis zu meinem fünfzigsten Geburtstag möchte ich aber nicht von meinen Kriegserinnerungen zehren.

Friedrich Thiemann
(höhnisch.) Nein! Inzwischen muß man als Privatmann, als akademischer Pfahlbürger sein Unterkommen suchen! Muß man ein Examen machen und noch ein Examen, muß man Zeugnisse sammeln, damit man als Arbeitsloser richtiggehend gebucht werden kann!!
Verrat, Leo, Verrat!! Auf Amt und Würde pfeifen! Auf die Straße gehen und trommeln... trommeln... trommeln...!

Leo Schlageter
Ich war Scharfschütze.

Friedrich Thiemann
Wir werden uns streiten! Die Frage ist: Willst du Rententheorien lernen oder trommeln?

Leo Schlageter
Ich bin unmuskalisch. Ich lerne Kontentheorien. Bloß Trommeln...? Bloß Krach schlagen...? Mein Bedarf an Trommelfeuer ist gedeckt! Ich bin kein Prophet und kein Staatsmann. Ich war ein kleiner Kriegsleutnant, und jetzt bin ich wieder Leo Schlageter, ein friedlicher Bauernjunge aus dem Schwarzwald.

Friedrich Thiemann
Und wenn in zwanzig Jahren...?

Leo Schlageter
Keine falschen Töne, Herr Tambourmajor! 1914 gab es Fünfzigjährige in rauhen Mengen, die ihre Reservekluft vom Nagel nahmen und ihren glatzköpfigen Mann genau so jung und so enthusiastisch stellen, wie wir Rotzjungen von der vielzitierten Schulbank... sogar eine Menge Leute darunter, die die Kontentheorien aus dem Effeff verstanden.

Friedrich Thiemann
Das Ganze nenne ich miese Subordination!

Leo Schlageter
Das Ganze hießt für mich Leo Schlageter!

Friedrich Thiemann
Ein feiner Name! Auf die Weise schreibt sich ein Droschkengaul in die Weltgeschichte, aber kein deutscer Offizier!

Leo Schlageter
Achill hat sogar Weiberkleider getragen, das ist bestimmt schlimmer als Zivil... und er wurde doch – Achill!

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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:03

Friedrich Thiemann
Schade... Du bist unter die Poeten gegangen... Wenn Soldaten anfangen zu denken...

Leo Schlageter
...dann wachsen Generalstäbler!

Friedrich Thiemann
Hat sich was! Da gibt es ästhetisches Geschmuse ...da gibt es Teetassen und russische Gespräche!

Leo Schlageter
Russische Gespräche!... Dein Beispiel spricht trotz allem für mich. Ich wäre zufrieden, wenn aus Rede und Antwort, aus Sätzen und Gegensätzen eine Staatsform, eine politische Wirklichkeit entstünde wie in deinem Rußland!

Friedrich Thiemann
Der Deutsche ist kein Russe!

Leo Schlageter
Nein, er ist kein Franzose und kein Jude und kein Engländer und kein... und kein... Ja, zum Teufel, was ist er denn dann...? Er ist bestimmt auch nicht nur Soldat!

Friedrich Thiemann
Das ist die Frage! Vielleicht ist der tiefste Sinn des Deutschen sein Kampf. Imperialismus, Katholizimus ... alles erfuhr auf deutschem Boden seine Entscheidung! Und jetzt stehen alle Fragen auf einmal zur Diskussion: Marxismus, Liberalismus, Faschismus, Bolschewismus, Parlamentarismus ... Wenn du ein Kerl bist, mußt du Konsequenzen ziehen! Farbe bekennen! Gerade stehen! Kämpfen!! Soldat sein!!!

Leo Schlageter
Oller Fritze! (Lachend.) Dich lockt kein Paradies aus deinem Stacheldrahtverhau!

Friedrich Thiemann
Ne, bestimmt nicht! Stacheldraht ist Stacheldraht. Da weiß ich, woran ich bin... Keine Rose ohne Dornen!... Und zu allerletzt laß ich Ideen mir auf den Leib rücken! Den Kram kenne ich von 18... Brüderlichkeit, Gleichheit ... Freiheit ... Schönheit und Würde! Mit Speck fängt man Mäuse. Auf einmal, mitten im Parlieren: Hände hoch! Du bist entwaffnet... Du bist republikanisches Stimmvieh! – Nien, zehn Schritt vom Leibe mit dem ganzen Weltanschauungssalat... Hier wird scharf geschlossen! Wenn ich Kultur höre... entsichere ich meinen Browning!

Leo Schlageter
Das ist ein Satz!

Friedrich Thiemann
Und treffsicher! Worauf du dich verlassen kannst.

Leo Schlageter
Du bist zum Schießen!

Friedrich Thiemann
Zu nichts anderem!

Leo Schlageter
Aber die Welt ist doch schließlich keine Schießbude!

Friedrich Thiemann
Genau dafür halte ich sie! Oder kannst du im Ernst irgend etwas nennen, was ohne Blut und ohne klare Fronten hier auf dieser Erde geworden wäre? Überall – ich gebe dir sogar die Theologie vor – müssen ein par Patrouillen in die Luft gesprengt werden, ehe etwas zustande kommt. Bei jedem Heilmittel noch, in den friedlichsten Laboratorien, müssen erst ein paar dran glauben, ehe es Markenwäre wird! Nein, mein Liebling, wenn du einen Gedankenrichtig zu Ende denkst: es kommt Scharfschießen dabei heraus!

Leo Schlageter
Wenn schon – denn schon! Also bitte: Reichswehr.

Friedrich Thiemann
Die Reichswehr ist Beamtentum. Kein Wort gegen die Leute... Beamtentum und Republik... das sind Gewissensfragen. Aber abgesehen von diesem persönlichen Geschmack: Wir waren zwölf Millionen unter Waffen – und jetzt braucht man hunderttausend Männchen... Da gibt es in der Branche allerhand Arbeitslose! Deine Bücher quasseln: Kapital schafft Arbeit. Als ob das Kapital die Arbeit erfunden hätte! Umgekehrt wird ein Schuh draus: erst Soldaten! Soldaten schaffen Tatsachen. Die Welt... wir Menschen sind nicht Geister... wir sind Fleisch und Blut, und die Gesetze des Lebens sind daher nicht geistig... sondern blutig! Verstanden!

Leo Schlageter
Als ob ich diese alte Walze nicht kennen würde... Aber da wir bei der Rechtfertigung sind: Was tun Priester?

Friedrich Thiemann
Beten... Aha... Ick hör' dir trappen, Nachtigall... Opfern!

Leo Schlageter
(nickt.) Was opfern sie?

Friedrich Thiemann
Das Beste, was sie haben... Blut!

Leo Schlageter
Blut! Kannst du dir einen Priester denken, der sich vor seinen Altar stellt und den Gläubigen erzählt, daß er kein Blut mehr sehen kann?

Friedrich Thiemann
Nein, sie tun es zum Gedächtnis bis auf den heutigen Tag. Sie brechen den Leib und trinken das Blut.

Leo Schlageter
Soweit das weite Feld der Religionen. Das Leben der Völker hat die gleichen Gründsätze. Herrscher müssen opfern können... müssen Blut sehen können!
1918 konnte der deutsche Kaiser plötzlich kein Blut mehr sehen. Er entband uns unseres Eides. Das Gottesgnadentum... das Geheimnis... das Mysterium der Verantwortung... alles Unsagbare löste er damit auf! Der Rest ist Demokratie. Der fromme, tumbe Dienst des Soldaten war damit am Ende!... Schwätzer will ich nicht werden... Also mache ich als namenloser Zivilist brav Examen.

Friedrich Thiemann
Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!

Leo Schlageter
Ganz richtig! Fürchterliche Ruhe! Eiserne Ruhe!! Ruhe vor dem Sturm... Die Sache, die die Brüder da aufgezogen haben, die Sache von Weltgemeinschaft und Humanität, von Weltwirtschaft und Europa, von Völkerfrieden und so weiter zu Ende führen! Diese Buchführung, diese Rechnung stimmt nicht. Aber ihre Majestät die Majorität glaubt daran. Man muß ihr dienen. Ganz teuflisch gewissenhaft ihr sinnloses Opfer sein bis zur Katastrophe... bis zum Bankrott!

Friedrich Thiemann
Inzwischen verläuft dein Leben.

Leo Schlageter
Opfer!... Ob ich mit zwanzig an einer Kugel, mit vierzig am Krebs, mit sechzig am Schlag eingehe, das ist doch gehauen wie gestochen. Die Hauptsache: das Volk muß nach Priestern schreien, die den Mut haben, das Beste zu opfern... nach Priestern, die Blut, Blut, Blut vergießen... nach Priestern, die schlachten!

Friedrich Thiemann
Warum wirst du Kaufmann? Du könntest Priester werden...

Leo Schlageter
Priester werden...? Das wird man nicht durch Examina... Das wird man durch Befehl!

Friedrich Thiemann
Das riecht nach Mönchszelle!

Leo Schlageter
(froh und aufatmend.) Im Gegenteil! Nach Büroräumen! (Er reibt sich die Hände.) Die Technik der Erfolgsberechnung der doppelten Buchführung... Das ist hier die Frage! Stehen Sie mir Rede, Herr! Nennen Sie die elf Punkte der Wertveränderung des Kapitals bei Namen... Weltwirtschaft, Horatio!

Friedrich Thiemann
Welch edler Geist ward hier zerstört... (Es klopft.) Reiß gefälligst deine Knochen zusammen. Das ist meine Schwester... Sie wollte uns abholen... (Es klopft zum zweitenmal.)

Leo Schlageter
Herein.

Zweite Szene
(Alexandra, die Schwester Thiemanns, tritt ein.)

Alexandra
Donnerwetter... Hier hat die Arbeit aber geraucht!

Leo Schlageter
Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein! (Will ein Fenster öffnen.)

Friedrich Thiemann
Ich höre immer: gnädiges Fräulein?

Alexandra
Da hat Friedrich recht! ,,Gnädiges Fräulein” ist ein bissel zu viel für mich... Wenn Sie Alexandra zu mir sagen mögen? Ich würde mich freuen! (Gibt Leo die Hand.)

Leo Schlageter
Gut! Also: Grüß Gott, Fräulein Alexandra!

Alexandra
Guten Tag, Herr Schlageter.

Leo Schlageter
Nein, das geht dann auch nicht, daß ich Alexandra sage und Sie: Herr Schlageter!

Alexandra
Gern! Guten Tag, Herr Leo.

Friedrich Thiemann
So... habt ihr zwei Chinesen nun die ersten Präambeln der nötigsten Zeremonien abgeschlossen? Wie geht es der Schreibmaschine Triumph?... Die Restbestände der Poesie verflüchten zu Markenzeichen...

Alexandra
Dieser Triumph liegt im Fieber! London meldet den Dollar gleich 22000 Mark!

Friedrich Thiemann
Die Börse als Walstatt, der Dollar als Feldgeschrei! Wie nobel ist doch dagegen ein Maschinengewehr!

Alexandra
Reitet er wieder sein Steckenpferd?

Leo Schlageter
Wie gefällt Ihnen die Stadt? Der Dienst?

Alexandra
Oh, ich bin nicht verwöhnt... Mir gefällt immer alles... Sie wohnen lustig. Friedrich nannte Ihre Bude immer: Unterstand. Ich hatte mir da etwas Dunkles vorgestellt... eine Räuberhöhle...

Leo Schlageter
Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?

Alexandra
Nein, ich danke, Herr Leo, ich rauche nicht.

Friedrich Thiemann
So was raucht doch nicht!

Leo Schlageter
Ein Schnäpschen gefällig, Fräulein Alexandra?

Friedrich Thiemann
Nein, danke... So was säuft doch nicht!! So einem gelben Küken – du hast eben keine Lebensart – bietet man die letzte Nummer des Millionsblattes oder des Kränzchens an!

Alexandra
Quatsch! Aber sieh mal, Friedrich, da ist ein ganzes Regal voll Bücher, und dein Freund ist doch bestimmt kein Bibliothekar! Friedrich behauptet immer: Bücher wären feminin... Sogar Mörike! Du alter Lügenpeter solltest dich schämen! Er hat gesagt, bei Ihnen lägen Handgranaten und Gasmasken nur so herum. Als Stühle hätten Sie Maschinengewehre!

Friedrich Thiemann
Halt den Schnabel, alte Lerche! Leo ist umgezogen... in jeder Hinsicht! Er ist unter die Studenten gegangen... Schläger und Couleurband... Photographien von Altheidelberg sind sein neues Genre. Die heilige Barbara kriegt Kolik, wenn sie den ehemaligen Feldartilleristen Schlageter besucht!

Alexandra
Wie gut, daß ich nicht die heilige Barbara bin. Mir gefällt es so viel besser. Fort mit den alten Kriegsrequisiten! Jetzt heißt die Tapferkeit wieder Zivilcourage!

Friedrich Thiemann
Tscha! und Mama und Papa ist die Losung! Und das kleine Schwesterchen das Feldschrei... und ritterlich und tanzstundenfromm der ganze Benimm! Herrgott! Wenn ich bloß dem Familienrummel und Tantentrara den Krieg erklären könnte!

Alexandra
Das hast du gar nicht nötig. Du hast mit dem Anstand von Anfang an auf dem Kriegsfuß gestanden! Du warst schon als Quintaner Rauhpatz... Dazu brauchte es wirklich keinen Weltkrieg.

Leo Schlageter
Bitte setzen Sie sich, Fräulein Alexandra... sonst wachsen Sie Ihrem Bruder über den Kopf.

Friedrich Thiemann
...auf dem sich keine Laus mehr hält, so gründlich hat er ihn mir gewaschen!

Alexandra
Fein! Das ist lieb von Ihnen! Uns... die Eltern und mich, nimmt er nicht ernst... Wir haben den Krieg nicht mitgemacht. Kriegserlebnis, das ist sein drittes Wort... Als ob Mutter nur friedlich gegessen, getrunken, geschlafen hätte! Als ob Vater ein lumpiger Drückeberger... als ob ich eine dumme Gans, weil ich keine Materialschlacht mitgemacht habe! Bitte, lassen Sie mich aussprechen! Ich verstehe alles... Die Mißachtung der Frontschweine mußte euch zum Explodieren bringen... Aber alles Ding hat seine Grenzen ... und Berechtigungen hat auch die Zivilbevölkerung! Ich meine bestimmt nicht Politik und kleinen Haß und dergleichen Schmutz... Ich meine eure Eltern, eure jüngeren Brüder ... ja, eure Schwestern... Von uns seid ihr vier Jahre lang auf den Händen getragen worden... Wir haben euch empfangen, so gut, so lieb, so verwandt, wie wir nur konnten... Statt nun aber wirklich heimzukehren und das Gesetz des Hauses zu achten, zeigt ihr ununterbrochen die Trennungslinie... Oh, ihr seid anders als die alten Bramardasse – ihr erzählt keine Heldentaten ... der moderne Held ist viel zu fein dafür! Er schweigt! Er verachtet die anderen! Lassen Sie mich zu Ende sprechen, Herr Leo!
Und wenn man euch fragt: Was wollt ihr eigentlich? Wir lieben diese schäbigen Kompromisse... diese Judenvorherrschaft, diese Bonzenbürokratie, und wie immer eure Schlagwörter lauten mögen, ebensowenig wie ihr!
Aber schließlich habt ihr euch doch die Epauletten von den neuen Herren herunterreißen lassen! Wir... wir können doch nichts dafür, daß sich das ganze Offizierkorps durch einen roten Federstrich auflöste wie Salz im Wasser? Laßt mich reden! Ihr halben Helden! Ja, und dreimal ja: wir könnten euch Vorwürfe machen!!
So... das mußte einmal herunter von der Leber!

Friedrich Thiemann
Die hat ein Tönchen am Leibe, was?

Leo Schlageter
Soweit sind Sie im Recht, Fräulein Alexandra... Nur täuschen Sie sich – meine ich – in einem: Wir haben die Epauletten heruntergetan ... wir sind euch entgegengekommen, um des lieben Friedens willen... Wahrscheinlich ein großer, nicht wieder gutzumachender Fehler. Er geschah aus Liebe! Wir halben Helden, Fräulein Alexandra, wollten nicht über Nacht mit veränderter Front gegen die innere Hälfte unserer Welt kämpfen... Wir wollten Deutschland nicht mit Epauletten und Handgranaten erobern! Wir glaubten, daß Deutschland eben so geworden sei, wie es sich gab, und wir glaubten in unserer Dummheit, daß wir ein verlorener Haufe wären... daß wir im Trommelfeuer ein Jahrhundert menschlicher Zivilisation... ein Jahrtausend meschlichen Fortschritts verschlafen hätten! Der Soldat ist schwer von Begriffen. Er dient treu wie ein Knecht seinem Bauer. Und nun, da wir Kameraden alle sehr einsam wurden und jeder sich mutterseelenallein auf sich selbst gestellt sieht, sehen wir langsam ein, daß wir gar nicht in Deutschland sind... daß wir gar nicht zu Hause sind... daß wir unter Fassaden potemkinscher Dörfer leben ... daß die Verbrüderung, von der man uns sprach, Kitsch ist, daß wir hier Fremdkörper sind, wir Kameraden! Daß wir wie ein Filmstreifen sind: hin und her gehetztes Licht und hin und her gehetztes Schatten! Und ganz langsam, Fräulein Alexandra, nähen wir uns die Epauletten wieder an die Waffenröcke... Jeder für sich auf seine Weise... Und eines Tages... sind wir Deutschland! (Unheimlich.) Gemütlich wird das nicht, denn wir sind Brüder von einem ganz eigenen Schlage! Wir sind keine kaiserlichen Soldaten, keine republikanischen... wir sind Deutsche!
Da weiß niemand, was das heißt und woran er ist... Das Wort ist so verrätselt und versiegelt geblieben, wie es schon dem Tacitus war...
Und wenn ich meinem Kameraden, Ihrem Bruder, die Meinung sagte, dann dürfen Sie das nicht mißverstehen, Fräulein Alexandra... Ihr alle versteht so etwas immer falsch. Wir sind keine Söhne mehr, keine Brüder, keine Väter, überhaupt keine Verwandten... Wir sind nur noch Kameraden!! Und denken Sie ja nicht, wir stürben aus... unsere Generation wäre bald überaltet und begraben... Das Wunderbare ist, daß zu uns immer mehr Deutsche stoßen. In jeder Stube wächst eine kleine Gemeinschaft von dergleichen Ordensbrüdern. Wir haben keinen Namen, kein Programm. Nichts von dem, was ich Ihnen da sage, ist beweiskräftig... Nehmen Sie es als Spuk...

Friedrich Thiemann
Leo! Junge!! Mir aus der Seele gesprochen...

Leo Schlageter
Hier treiben wir jetzt unsere Sappen... die Klassifikation der Konten... Bücher der doppelten Buchführung.. Wir fürchten nichts! Das ist das einzige, was von uns feststeht!

Friedrich Thiemann
Seit Wochen hält der die Schnauze... Irre konnte man an ihm werden... und auf einmal redet er... redet er...

Leo Schlageter
Ich wollte deiner Schwester ein anständiger Gastfreund sein.

Alexandra
Herr Leo... Besteht die Möglichkeit, daß ein Mädel wie ich... Kamerad von euresgleichen wird?

Leo Schlageter
Bestimmt, Fräulein Alexandra!

Aegwyrt
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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:06

Alexandra
Ich möchte von Ihnen verpflichtet werden, Herr Leo.

Leo Schlageter
Ich warne Sie, Fräulein Alexandra!

Friedrich Thiemann
Sie ist ein anständiger Kerl gewesen, die Alexandra.

Alexandra
Ach, Friedrich, vielleicht wird doch noch alles anders... besser als unsereiner fürchtet...
(Alexandra und Schlageter sehen einander an.)

Alexandra
Sie lieben Deutschland wie einen Glauben... und Sie glauben an Deutschland wie an einen Gott! Aber ob Sie Gegenliebe finden?

Leo Schlageter
Als ob eine Passion je danach fragen würde! Ich liebe, liebe... Ist das nicht des Glücks genug?
(Der Tür wird mit dem Fuß aufgeschlagen. Ein tritt Űbernitz. Er schleppt zwei Kabinenkoffer in die Mitte des Zimmers.)

Friedrich Thiemann, Leo Schlageter
(gleichzeitig.) Der Maikäfer!

Űbernitz
Schnauze!... Ach nee? Kleener Hase im Stall?

Friedrich Thiemann
Um weiteren Unglücksfällen vorzubeugen: Rittmeister Űbernitz... meine Schwester...

Űbernitz
Küß die Hand... Verzeihung, daß ich so hereinschneie.

Leo Schlageter
Gereizt?

Űbernitz
Reiz ist kein Wort... Brot im Hause?... Sprit?

Leo Schlageter
Alles allright! Sie helfen mir, Fräulein Alexandra?
(Beide ab.)

Dritte Szene

Übernitz
Sorge dafür, daß das Mädel türmt. Zimt im Kaffee... Große Fahrt! Schlageter muß klar machen zum Gefecht.

Friedrich Thiemann
Woher?

Übernitz
Pommern!

Friedrich Thiemann
Wohin?

Übernitz
Richtung Westen!

Friedrich Thiemann
Westen?...

Aegwyrt
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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:07

Übernitz
Es tut sich allerhand... Große Sache! Die Schangels okkupieren!

Friedrich Thiemann
Latrinengerücht!

Übernitz
Hundertvierzig Pfund Ekrasit! (Deutet nach den Koffern.) Von wegen Blei im Hintern...

Vierte Szene
(Alexandra und Schlageter kommen zurück. Alexandra deckt den Tisch.)

Alexandra
Ich hätte nicht gedacht, daß ein Junggeselle soviel Vorräte hat.

Leo Schlageter
Da sehen Sie mal, was eine Mutter im Schwarzwald wert ist!

Alexandra
Und Schwestern haben Sie auch?

Leo Schlageter
In rauhen Mengen!

Übernitz
Schlafen kann ich hier? Also dann ran an den Feind! Bärenhunger! Keen Grammophon im Palast?... Sonst krachen meine Zähne so roh...

Leo Schlageter
Mein Nachbar hat Musik... allerdings bloß zwei Konservenbüchsen voll: Torgauer Marsch und das Ständchen von Schubert...

Übernitz
Mir langt der Torgauer!

Leo Schlageter
(klopft dreimal an die Wand, es wird dreimal geantwortet.) Alles in Butter. Der Herr Baron verfügt in Sekunden über Kapelle.

Friedrich Thiemann
Ich glaube, Alexandra...

Alexandra
Ich glaube... auch... Leben Sie wohl, Herr Rittmeister!

Übernitz
Die Hand, Gnädigste!

Leo Schlageter
Wie schade! Wollen Sie uns verlassen?

Alexandra
Hier wird generalstäblert... Herr Leo...

Übernitz
Wie klug das Kind ist... bei dem Dickkopp von Bruder!

Alexandra
Leben Sie wohl, Herr Leo.

Leo Schlageter
Leben Sie wohl, Fräulein Alexandra!
(Alexandra ab.)

Fünfte Szene

Übernitz
Leo ist in der Süßholzbranche. Leider muß ich dazwischenfunken. Schlageter, Sie müssen mit mir heute nacht einundzwanzig siebzehn nach Münster.

Leo Schlageter
Irrtum vorbehalten?

Übernitz
Befehl ist Befehl!

Leo Schlageter
Ich lebe in voller friedlicher Pension...

Übernitz
Schlageter und Pension ist gut!

Friedrich Thiemann
Schlageter studiert!

Übernitz
Sehe ich ohne Brille... Kleene Schwestern!

Friedrich Thiemann
Nein! Nationalökonomie!

Übernitz
Kommt mir bloß nich mit Bildung... Ich lasse mich prinzipiell nicht veräppeln.

Leo Schlageter
Tatsache! Schlageter ist Blindgänger! Auf dem kannst du Holz hacken, der explodiert nicht mehr!

Übernitz
Ich habe so etwas schon in Pommern oben munkeln hören. Ich habe mich aber gleich für Sie ins Zeug gelegt, Schlageter, und mir dergleichen Waschküche verbeten...

Leo Schlageter
Lieber Rittmeister, damit Sie klar sehen: Ich bin wirklich immatrikuliert.

Übernitz
Die Immatrikel ist ganz gute Deckfarbe. Warum nicht?

Leo Schlageter
Ich werde mein Diplom machen. Kurz und gut: Ich bitte mich als Zivilisten zu berachten.

Übernitz
Ich höre: kurz und gut, und ich höre: Zivilist?

Leo Schlageter
Ich wußte, daß Sie nicht schwer hören.

Übernitz
Quatsch! Ich nehme den einen Koffer... Sie, Schlageter, den anderen. Thiemännchen sichert... In Frankfurt stoßen Toni und der Nußknacker zu uns. Große Sache! Ganz großes Ding!! Annaberg ist ein Scherbelhaufen dagegen. Volldampf voraus! Abgemacht?

Leo Schlageter
Ich bedaure.

Übernitz
Ist das Ihr letztes Wort?

Friedrich Thiemann
Der Franzose rückt ein!

Leo Schlageter
Der Franzose rückt auch wieder aus... Der Kanzler Cuno ist ein ganz guter Hafenmeister!

Übernitz
Bringen Sie noch drei Hurras auf Ebert aus, und Sie sind richtig!

Leo Schlageter
Wenn Sie so kommen, Rittmeister, werde ich falsch!

Sechste Szene
(Hausser tritt ein mit dem Grammophon.)

Hausser
Hier ist die Konzerthalle... wie gewünscht. Drei Schläge an die Wand genügen... Hausser kommt Tag und Nacht... Ah, welch hohe Ehre. Wir kennen uns von Riga.

Übernitz
Sie waren Beobachter bei Vitztum?

Hausser
Geht in Ordnung. Sie wollten zu den Engländern wechseln vor lauter Wut... Tut sich was Neues?

Übernitz
Allerhand... Der Franzose will Telegraphenstangen requirieren.

Hausser
Der Teufel soll ihn holen!

Übernitz
Der saubere Herr ist leider Angestellter dieser Weltfirma!

Hausser
(setzt sich auf einen Koffer.) So ein Koffer unterm Popo... Da weiß man doch gleich wieder, wer man ist... Reisender in Stahl und Eisen... Tät' gerne noch mal mein Beinchen besuchen, ehe ich zu Staub zerfalle...

Übernitz
Ruht?

Hausser
Hinter Reims.

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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:08

Übernitz
So weit schießen die Preußen diesmal leider nicht! Die Sache ist die: Der Franzose besetzt in den nächsten Tagen allerhand Deutschland. Die Regierung wird passiven Widerstand proklamieren. Und wir werden diese Passiva ein bissel aktivieren...

Hausser
Aha!... Hier eine Brücke hoppla... da stößt es einer Schleuse sauer auf... dort biegt sich ein Eisenbahngleis vor Lachen... (Streichelt den Koffer.) Ekrasit im Bäuchel...? (Übernitz nickt.) Sei mir gegrüßt... Ist die Regierung einverstanden?

Übernitz
Kleiner Witzbold... Alter Schäker!

Hausser
Können Sie mich brauchen?

Übernitz
Schlechte Aussicht... Ihnen sieht man den Offizier drei Kilometer gegen den Wind an.

Hausser
Stimmt!... Die verfluchte Prothese knarrt wie ein Gardeleutnant. Altes Eisen... altes Eisen...

Übernitz
Und wer ganze Knochen hat, studiert Nationalökonomie.

Siebente Szene
(Es klopft.)

Leo Schlageter
Herein.

Alexandra
Vezeihung, meine Herren. Aber die neueste Nachricht! Ein Telegramm wurde gerade angeschlagen: Der Franzose besetzt das Ruhrgebiet! (Stille.) Ja... meine Herren... Friedrich... Herr Leo...? Was geschieht da...? Ja... was geschieht da?
(Pause.)

Übernitz
Was soll schon geschehen? Wir sind ein friedliebendes Volk, gnädiges Fräulein... ein wehrloses Volk... Wir schuften, wir arbeiten, wir studieren Nationalökonomie... Sie werden sehen und hören, daß Ihnen Sehen und Hören vergeht, wie unsere Regierung in nationaler Rührung macht... Vor aller Welt, vor dem Weltgewissen wird sie an ihre Brust schlagen und schluchzen: Uns guten europäischen Sklaven... uns Fellachen... uns Wiedergutmachern das...?!

Hausser
Geben Sie mir zwei Pfund Ekrasit... Ich möchte dieser Republik Kaffee kochen! Das sind Staatsmänner!

Leo Schlageter
Was sollen die armen Luder denn sonst tun?

Übernitz
Diese Frage klärt die Situation endgültig! Immerhin... Zum letztenmal: Kommen Sie mit, Herr Kamerad?

Leo Schlageter
Nein, Herr Rittmeister!

Übernitz
Ich bedaure, Ihre Gastfreundschaft unter falschen Voraussetzungen in Anspruch genommen zu haben, Herr Schlageter! ... Umzug! Kamerad, Sie erlauben?

Hausser
Von Herzen wilkommen!

Übernitz
Thiemann, helfen Sie tragen!

Hausser
Aber warum gleich scharf schießen?... Nur die Ruhe...

Übernitz
Fangen Sie auch schon an? Ich bin für Unruhe!!

Leo Schlageter
(legt Übernitz die Hand auf die Schulter.) Kamerad... Einen Augenblick!
Sie entsinnen sich des Baltikums? Wer hat uns in die Suppe gespuckt?
Halt!
Sie entsinnen sich Oberschlesiens? Wer hat uns in die Suppe gespuckt und uns alles vermasselt?
Halt!
Sie entsinnen sich Oberschlesiens? Wer hat uns in die Suppe gespuckt und uns alles vermasselt?
Halt!
Was habt ihr vor? Ihr stürzt wieder einmal an die brennende Grenze! Und wer wird euch diffamieren? Wer wird euch fallen lassen? Wer in den Rücken fallen?
Eine feine Regierung ... in Berlin! Ihr schießt immer in der falschen Richtung! Ihr knallt mit dem Temperament von 1914! Und Berlin spielt euch aus, spielt Schindluder mit euch!!! Landsknechtspöbel... Fememörder... So geht das nicht weiter! Wir verpulvern uns an der falschen Stelle! Erst Aktion nach innen – dann Politik nach außen.

Hausser
Aktion nach innen?

Leo Schlageter
Die Weltverbrüderer von 1918 an die Wand! Das Reich heraussprengen aus den Parlamenten. Je mehr wir die Franzosen jetzt reizen, um so tieferen Kotau erreichen wir bei den Berliner Parteisekretären!

Übernitz
Wenn wir Berlin sprengen, heißt das Bolschewismus, und der ritterliche Franzose hilft der Regierung aus der Misere! Wir müssen einen Keil zwischen die Verständigung treiben... Einmal endlich müssen dann doch die Berliner Bonzen zu uns stehen!

Leo Schlageter
Nie... niemals! Die sitzen auf dem hohen Roß und lassen uns wie Mist fallen. Erst eine wirklich deutsche Regierung – dann kann man dem Franzosen Ameisen in die Hosen setzen.

Hausser
Ich habe noch gar nicht gewußt, daß es so schwierig ist, sein Pulver an den rechten Mann zu bringen! Schon mitten unter uns reinen Dynamitariern nischt wie Probleme! Ja, teilen wir in drei Teufels Namen die Koffer! Die eine Hälfte reist Richtung: Rhein und die andere: à Berlin!

Leo Schlageter
Man kann mit einem Koffer Ekrasit keinen Staat machen und keine Politik. Das ist romantischer Terror, Kinder!

Übernitz
Wir müssen zur Aktion treiben!

Leo Schlageter
Hinter jeder Aktion muß ein Sinn stehen!

Übernitz
Die Republik sprengen... die Franzosen verjagen! Sinn genug!!

Leo Schlageter
Glauben Sie im Ernst, daß Sie mit 25 Pfund Pulver einen einzigen Quadratmeter Land mehr befreien, als Sie zerstören? Sturm und Drang von einzelnen ohne Hinterland ist Unsinn!

Übernitz
Nein! Die Verzweiflung von uns, der unbedingte Absolutismus unserer Verzweiflung muß alles vernichten, was jetzt an Helotentum und Bonzentum, an Fellachentum und Profitpatriotismus wuchert!

Leo Schlageter
Dann wird Deutschland ein einziger Friedhof!

Übernitz
Besser ein anständiger Friedhof als eine Ramschbude!

Leo Schlageter
Das ist Ansichtssache.

Übernitz
Ich hoffe, daß es in diesen vier Wänden darüber nur eine Ansicht gibt.

Leo Schlageter
Wenn Sie sich meiner Ansicht anschließen!

Übernitz
Werden Sie glücklich als Studienrat, Archivrat oder Kommerzienrat!
Thiemann – anfassen!

Leo Schlageter
Du tust mit, Friedrich?

Friedrich Thiemann
Selbstverständlich! Ich fahre mit in die Hölle, wenn die Kameraden aufbrechen!

Leo Schlageter
Gute Reise!
(Übernitz und Thiemann ab. Hausser packt sein Grammophom unter den Arm.)

Hausser
(im Gehen.) Den Brüdern darf ich jetzt keinen Marsch blasen, bloß Schumann, sonst geht der Koffer gleich in die Luft! (Ab.)

Achte Szene
(Pause.)

Leo Schlageter
Fräulein Alexandra, jetzt werden Sie wohl auch gehen?

Alexandra
Nein, Herr Leo... ich bleibe!

Leo Schlageter
Dann können Sie mich abfragen... Kontentheorien... Hier ist das Buch... Seite 218!

Alexandra
Warum quälen Sie sich so?

Leo Schlageter
Ich lasse diese Burschen verhaften!... Ich verhindere diesen Wahnsinn mit allen Mitteln!! Ich lasse mich nicht in die Knie zwingen... von niemand... von nichts!! Ja, ja, es sind meine Kameraden!! Und ich habe nichts in dieser Welt als diese Kameradschaft!
Aber ich dulde nicht, daß sie als tolle Soldateska, als Freibeuter, als Mörder zugrunde gerichtet werden... Was ist denn der Unterschied zwischen Mördern und Helden?... Wir waren Soldaten, und wir werden Straßenräuber!!
Diese Phantasten geben ihren Feinden das Recht, das schäbige, gerechte Recht, sie auszumerzen wie tolle Hunde?
Kampf ist schön, Fräulein Alexandra... Wie schön war es, in der Front zu stehen! Zu erleben, daß man mit seiner Brust zwei Meter Breite hält... daß man einen Streifen Vaterland zwei Meter breit (er breitet die Arme aus.) bis in die Tiefe der Heimat mit seinem Leben schützt! Diese zwei Meter, Fräulein Alexandra, die habe ich gehalten. Aber ich muß gehorchen! Dienen!
Wo ist die Befehlsstelle, wo in aller Welt, die mir meinen Posten gibt...? Die zwei Meter Wirklichkeit, die zwei Meter Pflicht, die zwei Meter Front, auf die es ankommt...? Für die ich mich verbürge mit meinem Leben...?
(Pause.)

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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:09

Leo Schlageter
Helfen Sie mir, Fräulein Alexandra! Können Sie mir nicht helfen...?

Alexandra
Ich bin ein dummes Mädel. Bei mir können Sie nicht klug werden. Ich wollte mir bei Ihnen Rat holen... Es scheint... es ist uns allen nicht zu helfen...

Leo Schlageter
Die da drüben wissen sich zu helfen!

Alexandra
Also gehen Sie hinüber.

Leo Schlageter
Ich habe da nichts zu suchen. Mein Gewissen will ein Gesetz. Und mein Gefühl braucht einen Befehl! Da drüben ist Flucht vor dem Frieden ... da drüben ist Furcht vor der Stille ... vor dieser peitschenden Übermacht des Gewissens... Und ich will mich nicht fürchten! Ich will nicht fliehen! Vor nichts!... in nichts!!
Sie lächeln...? (Er schaut sie groß an.) Sie lächeln ... Mein Gott! Daß es so etwas gibt... Wie schön das ist... Ein Gesicht, ein Mädelgesicht, in dem ein Lächeln ist!
Fräulein Alexandra! Lassen Sie es nicht fallen... dieses Lächeln! Das ist etwas ganz Zerbrechliches... Ich bin seit sieben Jahren unterwegs. Ich sah nur Tränen und verzerrte und zerfetzte Züge... Und jetzt sehe ich Ihr Gesicht, Fräulein Alexandra... Ich muß dieses Lächeln in meine beiden Hände nehmen... Oh, nun habe ich es verscheucht. Es ist fortgeflogen wie eine Amsel, die man vom Nest vertrieb... Nein, es kehrt zurück...

Alexandra
(schmiegt ihr Gesicht in seine Hände.) Dummer, dummer, dummer Junge...

Leo Schlageter
(man hört leise von nebenan Schumann zu den letzten Worten.)
Herrgott, Alexandra ... ist die Welt schön! ... und still! Sie steht still.. und sie lächelt...

(Vorhang)

Zweiter Akt
Erste Szene
(Arbeitsraum des Regierungspräsidenten Schneider)

Schneider
So... ist gut... Mente... Legen Sie die Akten da auf den Tisch. (Nimmt eine Zigarre aus der Tasche.) Nichts Besonderes... aber wenn ich Sie richtig taxiere, rauchen Sie auch gern mal ein paar Züge... (Beitet Mente eine Zigarre an.)

Mente
Ergebensten Dank, Herr Regierungspräsident.

Schneider
Wie alt sind Sie, mein lieber Mente?

Mente
58 Jahre, Herr Regierungspräsident.

Schneider
58 Jahre... dann sind Sie genau ein Dutzend Jahre älter als ich. Viel erlebt in diesen Räumen, was? Schon allerhand durchgemacht hier...?

Mente
Gewissermaßen, Herr Regierungspräsident.

Schneider
Ja, ja... die Zeiten ändern sich... wieder mal Wahlen vor der Türe... Wer die Wahl hat, hat die Qual, was? Mein lieber Mente?

Mente
Unsereiner hat nicht lange zu wählen... Ich habe unter Ihrem Herrn Amtsvorgänger mit ihm, sozusagen, zusammen gewählt, und ich halte es für meine Pflicht, jetzt mit dem derzeitigen Regierungspräsidenten einer politischen Überzeugung zu sein.

Schneider
Sehr vernünftig, lieber Mente... Sie haben ja auch mit mir keine schlechten Erfahrungen gemacht, nicht wahr?

Mente
Gewiß nicht, Herr Regierungspräsident.

Schneider
Ich danke Ihnen... Sie können gehen. (Mente ab.) ... Wenn der gute Sekretär unter dem vorigen Regime rot gewählt hätte, könnte er Regierungsrat sein, und wenn er jetzt deutschnational wählen würde, könnte er es vielleicht werden... Ein seltsamer Menschenschlag... sitzt konstant auf dem falschen Pferd! Eine Zigarre vom Vorgesetzten... das is das Höchste!... Armes Luder... Na, ich habe die Menschen nicht gemacht. Was sich regieren läßt, ist wert, daß es regiert wird...
Man tut sein Bestes! Und man ist eben ein anderer Schlag als solche braven Sekretäre. Man hat eben politisches Temperament... man mischt selber mit Karten... man hat seine Finger im Spiel, sozusagen. Apropos: Finger... (Er knetet seine Finger einzeln und mit gewissenhaftem Nachdruck.) Man sagt: lange Finger haben und meint: klauen... Aber kurze Gichtknoten...? Scheußlich! Diese Hände! ... Alles klappt. Man kauft sich Stehkragen. Man holt sich am Ersten sein Gehalt... Die Lohntüte hat ein ganz nobles Gesicht bekommen. Man hat lauter Angestellte und Untergebene... Man ist ein feiner Man! Aber... diese Hände... scheußlich! Packerpfoten!! Und man kann sie doch nicht sein Leben lang in die Tasche stecken! Im Gegenteil: man muß ununterbrochen die Hand geben... alle Hände voll zu tun hat man mit diesem Handgeben.
Dabei dieser akademische Nachwuchs... dieses hochmütige Zeugs... die denken, ich merke nichts... Eine Äußerlichkeit... eine Bagatelle... Was sagt eine Hand eigentlich aus? Eine Marotte von mir... mangelndes Selbstbewußtsein! Was hilft es, um den heißen Brei herumzulungern? Diese Packerpfoten sind mir ekelhaft! Sie passen nicht in dieses Zimmer... zu meiner Stellung.
Früher paßten sie... wenn ich sprach... immer mit der geballten Faust in der Luft herumfuchtelnd ... Übrigens ... nicht schlecht ... mehr mit der Faust auf den Tisch hauen ... (Er tut es.) Donnerwetter! Nee ... steht mir nicht mehr. So ein Zimmer ist kein Versammlungslokal. Man muß es jetzt mit der Autorität machen, mit der ruhigen Überlegenheit.
Mir hat es immer imponiert, wenn dieser Sauhund von Landrat – wie heiß er doch? – Baron Mannteufel.. Wenn wir einen Demonsrationsumzug wollten und er dann mit dem Bleistift spielte ... Wohlwollen troff ... der hatte Hände ... jeder Finger eine Schlange, eine gewandte Blindschleiche ... Ja, Manteuffel hieß er ... (Es klopft. Er taucht in Akten unter. Bürodiener überreicht eine Visitenkarte. Schneider liest.) Ah... Ich lasse bitten. (Bürodiener ab.) Willi schickt seine Karte... Das sind Zeiten... M.d.R. ... tscha ...

Aegwyrt
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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:09

Zweite Szene

Klemm
(fertiger, gewandter, auf Amerika herausstaffierter Herr von der Stange.) Na, altes Haus ... bei dir muß man antichambrieren...

Schneider
Nee ... Willi ... Willi ... Wer hätte das gedacht!

Klemm
Was gedacht?

Schneider
Na, daß wir zwei uns mal so gegenüber stehen!

Klemm
Hast du vielleicht nicht an die Partei geglaubt?

Schneider
Ich kann mir nicht helfen... so ganz unter uns: Ich reibe mir jeden Morgen die Augen und denke: Junge, Junge, daß das bloß nich allens Schwindel ist!

Klemm
Hör mal, du scheinst überarbeitet... Ich höre immer: Schwindel? Ja, Gottverdammich, wir haben eine Revolution gemacht! Das hast du scheinbar noch nicht richtig gefressen? Du bist nicht zum Spaß Regierungspräsident... Das ist Fortschritt! Selbst ist der Mann! Und wir, Schneider, sind eben die kommenden Männer gewesen, und jetzt sind wir da... oben! Wir fährt keener an den Wagen!
Ihr Beamten seid ja arme Luder... Büro, das wäre nicht mein Geschmack. Ich bin mehr für Politik – praktische Politik ... Wirtschaftspolitik. Rin und ruff ist die Parole. Fabelhaft, wie wir die Sache aufgezogen haben. Aus der Hand fressen uns die Burschen. Das Kapital ... Mensch ... das Kapital hat nicht für fünf Pfennige Charakter. Die Macht... und das Kapital zahlt Steuern und Tarife bis zum Weißbluten. Alles Machtfrage!... Na, und die Frage hätten wir ja gründlich beantwortet.
Wie geht es zu Hause? Was macht die Mutter mit der Dienstwohnung? Haha...
Aber was ich sagen wollte: Ich komme wegen des Franzmannes...

Schneider
Apropos Franzmann! Wie wäre es mit einem Kognak? Und setz dich bitte... So... (Reicht Kognak.)

Klemm
Also, die Sache benötigt Fingerspitzengefühl! (Schneider steckt seine Hände in die Tasche.) Ja.. Fingerspitzengefühl... Das Auswärtige Amt gibt viel auf mich... Kunststück ... unsere Fraktion...! Na, kurz und richtig: Ich dachte, das bringst du mit dem ollen, braven Schneider in Ordnung. Du sitzt sozusagen an der Quelle. Wir haben Wind bekommen, daß die Freischärler unter uns, die Leutnantskamarilla, die Rotznasen, die noch nicht genug Scharfschießen gesehen haben, den offiziellen passiven Widerstand aktivieren wollen... Rollkommandos sollen in den nächsten Tagen losknallen. Und das muß verhütet werden. Der Schangel spielt dagegen nämlich die Seperatisten aus. Und leider Gottes gibt es das... Das gibt es genau so wie Freischärler! Also Zwickmühle... Du verstehst, nicht wahr?

Schneider
Die hohe Politik fresse ich gerade noch, aber wie ich praktisch verhindern soll, daß Jungens mit Pulver im Rucksack ins besetzte Gebiet wechseln, das ist mir schleierhaft! Die Sorte pflegt nämlich bei ihren Explosionen nicht vorher bei dem republikanischen Regierungspräsidenten anzufragen.

Klemm
Schneider, ein Fouhé bist du nicht!
Du hast doch einen Sohn...? der ist doch in dem Alter...? der studiert doch...?

Schneider
Fünftes Semester, Nationalökonomie!

Klemm
Geht in Ordnung. Die Universität ist nämlich die Brutkiste für den ganzen Rummel. Vom Papa hat der Bengel sicher das große Maul. – Was hast du, als du so alt warst, von Revolution gebrüllt!! Wenn ich dran denke, gellen mir die Trommelfelle noch heute.
Also dein August... August hieß er doch?

Schneider
Ja, August, natürlich August... nach Bebel.

Klemm
August wird also in die Fußstapfen feines Ahnherrn treten und in Revolution machen. Na, und du wirst eben der Klügere sein... wirst ihn ein bissel reden lassen... so ein Junge nennt dir in fünf Minuten, die du ihm Redefreiheit gibst, alle Namen. Die notierst du dir ... und gibst sie der politischen Polizei!
Klar wie Kloßbrühe!

Schneider
Ich muß sagen...

Klemm
Gar nichts, lieber Schneider. Es geht um die Errungenschaften der Revolution!
Also, ich lege die Sache in deine Hände, nichts da, in deine Hände! (Schneider steckt seine Hände in die Tasche.) Es ist eine hochwichtige Sache. Berlin hat dich im Auge... Deiner Karriere wirst du nicht im Wege stehen. Ich denke, das langt für einen alten, gedienten, braven Revolutionär, wie?

Schneider
Aber Klemm! Selbstverständlich! Ich werde meinen Mann stehen!

Klemm
Ich wußte es ja.
(Bürodiener tritt ein, überreicht eine Karte.)

Schneider
(gibt Klemm die Karte.) Bleib gleich da... diese Exzellenz ist ein ordentlicher Mann. Ich lasse bitten.

Dritte Szene
(Exzellenz X. tritt ein.)

Schneider
(stellt vor.) Mein Freund Klemm, Mitglied des Reichstags...

Exzellenz
Herr Regierungspräsident, wenn ich bitten darf: keine Namen nennen. Ich stehe hier als politische Funktion. Verstehen wir uns recht, meine Herren! Sie werden ahnen, weswegen ich komme. Das Reichswehrkommando weiß von nichts ... Die Behörde hier darf von nichts wissen. Kein Mensch weiß etwas... Das ganze ein Eiertanz. Aus rein persönlicher Initiative also stehe ich vor Ihnen, und ich stehe in diesem Augenblick nicht vor dem Regierungspräsidenten und einem Mitglied des hohen Hauses, sondern vor zwei deutschen Männern.
Wir wollen ganz unverbindlich einmal über die Sache sprechen ... und die Sache ist die:
Der Franzose besetzt deutsches Gebiet. Uns ist mehrfach anonym und von jungen Offizieren, die sich einen Namen im Baltikum und in Oberschlesien machten, gemeldet worden, daß sie unter allen Umständen eine Gegenaktion, eine Gegenmine legen...

Klemm
(unterbricht.) Ihr Standpunkt, Exzellenz?

Exzellenz
Das ist natürlich reiner Unsinn!

Schneider
Was habe ich gesagt!

Exzellenz
Militärisch Unsinn!... und mich hat nur das Militärische zu interessieren.
Also, diese Sprengungen passen der Leitung, soviel ich weiß – wie gesagt, alles ist persönliche Meinung... unverbindlich –, nicht in den Streifen.

Klemm
Sehr gut! Ich werde Ihnen das Wort nicht vergessen. Meine Fraktion hat ein gutes Gedächtnis für gewisse Verdienste.

Exzellenz
Ich tue meine Pflicht.

Klemm
(klopft ihm wohlwollend auf die Schulter.) Pflicht ist in der Politik ein dehnbarer Begriff. Jedenfalls liegt Ihre Auffassung auf unserer taktischen Linie.

Exzellenz
Ich habe nun einen Vertreter der jungen Generation, einen gewissen Schlageter, hierher bestellt. Der Mann wandte sich an mich. Er ist mir als Draufgänger bekannt. Der einzige Ort einer Aussprache, der kein Mißverständnis aufkommen läßt, falls etwas durchsickern sollte...

Klemm
Ausgezeichnet! Die Geschichte auf das Verwaltungsgleis rangieren. Sehr gut!!

Schneider
Ich weiß nicht... meine Kompetenzen...

Exzellenz
Sie, verehrter Herr Präsident, stellten wirklich nur das Zimmer zur Verfügung... die Wände ohne Ohren... Und die militärische Behörde mich. Das heißt auch mich nicht auf eigenem Grund und Boden und auch mich nicht als militärische Kompetenz, sondern mich als Privatmann, als väterlichen Freund und Berater einer exaltierten Jugend.

Klemm
(zu Schneider.) Die Sache geht in Ordnung. Die Behörden waschen ihre Hände offiziell und inoffiziell in Unschuld.

Schneider
Wann kommt dieser junge Mann?

Exzellenz
Ich habe ihn mit mir hierher bestellt.

Klemm
Wir lassen Sie allein, Exzellenz. Solche Dinge soll man immer unter vier Augen regeln. Ein bewährter parlamentarischer Grundsatz ... haha ...

Bürodiener
Herr Schlageter

Exzellenz
Ich lasse bitten.

Aegwyrt
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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:10

Vierte Szene

Schlageter
Exzellenz?

Exzellenz
Dank für Ihren Brief. Ich habe Sie auf neutralen Boden gebeten.

Schlageter
Neutraler Boden...? Hier...?

Exzellenz
Auf gewissermaßen neutralen Boden ... als alter und vor allem älterer Kamerad will ich mit Ihnen sprechen.

Schlageter
Als Kamerad?

Exzellenz
Als väterlicher Freund.

Schlageter
Verziehen Sie, Exzellenz, die Prägnanz meiner Gegenfragen, aber mir scheint Klarheit sehr nötig.

Exzellenz
Was Sie, lieber Schlageter, als Klarheit ansprechen ... lehne ich ab. Sie betreiben mit Ihren Fragen: Gewissensforschung.
Das Gewissen eines Zwanzigjährigen und die Erfahrung eines Sechzigjährigen sind aber in heiklen Dingen oft Gegensätze. Es geht aber nicht um diese Gegensätze, sondern um eine Aussprache. Sie sind uns vom Baltikum, von Schlesien her bekannt.
Ich möchte Sie warnen.

Schlageter
In Ihrer Funktion als...?

Exzellenz
...väterlicher Freund!

Schlageter
Das ist zuviel Güte, Exzellenz, und zu wenig Realität... Kurz: Warum warnen und wovor?

Exzellenz
Die Aktivierung des passiven Widerstandes ist Ihnen bekannt?

Schlageter
Ich... hörte davon.

Exzellenz
Vor einer Beteiligung wollte ich Sie warnen.

Schlageter
Weswegen?

Exzellenz
Sie bringt die Regierung in die fatalste Situation.

Schneider
Welche Regierung?

Exzellenz
Lieber Schlageter, es gibt immer nur zwei Regierungen: die eigene und die des Feindes. Ich glaube nicht, daß Sie die Absicht haben, der französchen Regierung in die hand zu arbeiten.

Schlageter
Ihre Formulierung scheint mir militärtechnisch einwandfrei, politisch aber nicht schlagend.

Exzellenz
Inweifern?

Schlageter
Der Franzose tut, was er will ... und was ihm seine Entente cordiale erlaubt ... Unsere Handlungen erhalten unter diesem Aspekt innerpolitisch jede Freiheit.

Exzellenz
Sie meinen, den Druck Frankreichs könnte man innerpolitisch revolutionär ausnützen?

Schlageter
Ich meine, was den Marxisten 1918 unter dem Druck der Feindmächte recht war, müßte heute unter dem Druck der gleichen Mächte den Nationalisten billig sein.
Wir haben das Recht – der Franzose gibt es uns durch seine Besetzung -, uns zu erheben und zu sagen: Verständigung, Verbrüderung im Sinne der Internationale erweist sich als Schwindel, also radikal nationale Regierung! Zum Teufel mit dem Novembersystem!!

Exzellenz
Also Marsch nach Berlin?

Schlageter
Beides!! Eine Aktivierung des Widerstandes im Westen... Das deutsche Volk erwacht, und dann – das erwachte Deutschland reißt die Macht an sich!!

Exzellenz
Und wer soll diese Revolution führen...?

Schlageter
Sie, Exzellenz!

Exzellenz
Ich bin ein alter Mann.

Schlageter
Das Alter spielt dabei keine Rolle. Täte es einer vor uns Jungen, würfe man ihm die Jugend vor. Ein Vorwurf findet sich. Die Geschichte denkt aber immer in Erfolgen...

Exzellenz
Richtig! In Erfolgen, und das, was Sie da als Projekt entwarfen, hat keine Erfolgschance!

Schlageter
Sie verschließen sich also in jeder Hinsicht meinem vorschlag?

Exzellenz
Selbstverständlich.

Schlageter
Das wollte ich wissen

Exzellenz
Sie sind ein Diplomat...

Schlageter
Ich bin harmloser Student der Nationalökonomie.

Exzellenz
Sie sind staatsgefährlich... Aber wir kommen einander nicht näher, Herr Schlageter...

Schlageter
Nein, Exzellenz.

Exzellenz
Aber diese Unterredung muß einen Sinn haben.

Schlageter
Sie allein sind in der Lage, diese Sinngebung zu bringen.

Exzellenz
Sie sind verschlossen.

Schlageter
Sie sind nicht offen.

Exzellenz
Ich kann mich nicht exponieren...

Schlageter
Wir sind unter vier Augen ... Sie sagten, als väterlicher Freund stünden Sie hier. Ich nehme Sie beim Wort: Was täten Sie in meiner Lage? Jung, radikal, und gläubig?

Exzellenz
Viel verlangt, mich in Ihre Lage zu versetzen. Ich bin alt, abgekämpft und skeptisch.

Schlageter
Darf ich sprechen, wie es mir ums Herz ist?

Exzellenz
Ich bitte darum.

Schlageter
Darf ich um Neutralität bitten?

Exzellenz
Mit Vorbehalt!

Schlageter
Und dennoch! Offenheit gegen diese Reserve: Ich frage Sie klar und endgültig: ist es nicht geradezu notwendig, daß im besetzten Gebiet einige Exzesse stattfinden? Einmarsch und völlige Ruhe – sähe das nicht verdammt nach geglücktem Unternehmen aus? Der passive Widerstand ist ein Entschluß des grünen Tisches ... Gut ... gut ... auf diplomatischer Ebene. Aber das Temperament muß dazu kommen. Das Leben ist immer und überall mehr als ein Schachspiel... Zu dem Ausgeklügelten, Überdachen muß...

Exzellenz
Das Unbedachte stoßen...?

Schlageter
Ja, das Unbedachte! Der Gefühlsimpuls!!
Und wenn wir Sprengungen aufziehen, so handeln wir impulsiv. Meine Frage: Ist dieser Impuls für Sie, Exzellenz, als Deutscher, verständlich?

Exzellenz
Das ist eine Doktorfrage.

Schlageter
Eine Gewissensfrage!

Exzellenz (schweigt.)

Schlageter
Anworten Sie!

Exzellenz (schweigt.)

Schlageter
Ich bitte in Ihnen den väterlichen Freund!

Exzellenz
Schwer, eine Antwort zu finden...

Schlageter
Notwendig, zu suchen! Suchen Sie aber an der richtigen Stelle... in Ihrem Herzen, Exzellenz!

Exzellenz
Geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie meine Antwort als meine Privatäußerung verstehen?

Schlageter
Mir liegt an Ihrem ganz persönlichen Erscheid.

Exzellenz
Gott verzeih mir! ... Gut oder böse, richtig oder falsch, ich würde mit dreißig Jahren zu euch stehen!!

Schlageter
Dank, Exzellenz!

Exzellenz
Und nun?

Schlageter
Ich wollte nicht mitmachen. Ich wollte abraten. Ich vermutete bei der derzeitigen Regierung trotz allem ein geheimes Programm, einen aktiven Willen ... so etwas Ähnliches! Exzellenz ... Sie hätten es in diesem Augenblick preisgegeben ... Sie hätten gesagt: Schlageter, Ihre Hand! Tun Sie nicht mit! Diese kleine Tat, die Sie da im Auge haben, gefährdet die große, die wir Alten im Auge haben. Zügelt euch, geduldet euch ein wenig! Wir sind eure Kameraden!!...
Aber nichts von dem...
Das gute Gewissen des Reiches, Exzellenz, schlägt heute nur in Revolutionären!

Exzellenz
Sie gehen zu weit.

Schlageter
Sie treten am Ort... auf dem Boden der Tatsache! Sie gestanden mir, daß Sie die Aktion der Freischärler verstehen, und ich werde Ihnen dieses Eingeständnis danken, solange ich atme!
Aber tauschen, Exzellenz, tauschen möchte ich nie. Es muß fürchterlich sein, als alter Mann der Jugend nur unter vier Augen ehrlich begegnen zu können!!
Ich habe die Ehre! (Will ab.)

Exzellenz
Halt, Schlageter! Auf ein Wort!
Was verstehen Sie von jener Pflicht, der ich mein ganzes Leben unterstellte? Ich bin kein Politiker. Ich habe Zeit meines Lebens die Gesetze nicht geschreiben, denen ich gehorchte!

Schlageter
Ich hoffe, Sie haben sie gelesen, ehe Sie sie unterschreiben!

Exzellenz
Man kann als einzelner ...

Schlageter
Alles!

Exzellenz
Alles? Wir meisten, Schlageter ... wir dienen den Formmen, die geworden sind!
Was trieb Sie denn eigentlich zu mir? Zu was brauchten Sie mich? Ich will es Ihnen sagen!
Sie suchten eine Befehlsstelle!! Sie wollten auch lieber einem Gesetz gehorchen, blind gehorchen, als selbst in eigener Person aus freien Stücken Verantwortung tragen.
Ich... ich tadle das nicht. Sie aber, Schlageter, stehen vor mir und spielen sich als Lehrmeister auf. Sie brauchten mich – den üblen Durchschnitt –, Sie wollten im Grunde von diesem Durchschnitt einen schriftlichen Befehl: ,,Attackiert den Westen!!” Sie sind still geworden, Schlageter?

Schlageter
Ich bedenke, was Sie da sagen ... Ja, ich hatte es satt, auf bloße blasse Sympathien hin Suppen auszufressen, die alle amtlichen Stellen post festum mit Wasser gekocht haben wollen. Sie haben recht. Ich wollte von offizieller Seite eine Unterschrift. Das Baltikum, Oberschlesien, schienen mir anonymes Opfer genug!

Exzellenz
Sie suchten offizielle Hilf... Sie suchten die Billigung der Republik!

Schlageter
Das war es nicht... Meine Kameraden...

Exzellenz
Sie haben kaum das Recht, Ihre mündigen Kameraden, denen kein Mensch reinen Willen zum radikalen Nationalismus abspricht, auf das Niveau eines Durchschnitts herabzudrücken!
Ihre Kameraden scheren sich den Teufel um uns!! Ihre Kameraden handeln. Lautlos, selbstverständlich ... Ihre Befehlsstelle ist ihr persönliches Gewissen...
Nein, Herr Schlageter! Ihre Kameraden stehen nicht vor mir, die stellen sich nur der Geschichte!!
Sie stehen vor mir.

Schlageter
Ich fühle Verantwortung für sie...

Exzellenz
Und dieses Verantwortungsgefühl treibt Sie zu einer Instanz, die Sie deutlich genug verachten ...? Da stimmt etwas nicht!
Bei mir jedenfalls würden Sie das gleiche Verantwortlichkeitsgefühl meinen Kameraden gegenüber nicht dulden.
Es gibt nämlich nicht nur absolute Revolutionäre des Dritten Reiches, sondern auch relativ anständige Gehaltsempfänger der Republik!
Vor allem gibt es einen unbedingten Glauben an die Waffe. Einen namenlosen Glauben an die Waffe, der so stark ist, daß er jede Staatsform, jede, bagatellisiert. Es gibt Menschen, Herr Schlageter, die dienen dem Teufel, wenn er ihnen etatsmäßig genug Handgranaten bewilligt!

Schlageter
Sie dienen dem Teufel ... ich habe aber nicht das Gefühl, daß der Waffe genug Handgranaten bewilligt werden.

Exzellenz
Es soll meine Sache sein, den Teufel zum dummen Teufel zu machen! Aber Sie kommen mir nicht aus ... Sie suchten hier bei mir einen Rückhalt, eine Sicherung. Ihr persönliche Impuls versachte; eine Leidenschaft, die Sie im Baltikum beseelte und die Sie in Oberschlesien nicht lange fragen ließ!

Aegwyrt
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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:11

Schlageter
Ich fürchtete die Wiederholung. Ich mag keinen Kameraden mehr auf verlorenen Posten schicken ... auf einen Posten, der von amtlichen Stellen verleugnet wird, den die öffentliche Meinung als Rowdytum, als Landsknechtsexzeß verurteilt...
Ich weiß, daß Sie ein Deutscher sind, Exzellenz. Ich weiß: Sie sind nicht feiger als wir. Ich suche keine Befehlsstelle, aber ich suche ein Herz mit Haltung. Ein deutsches Herz ohne Verwirrung. Einen Mann, der keine Privatinteressen aufprutzt, sondern der, wie immer er handelt, nur für Deutschland einsteht.
Ich hielt Sie für einen solchen Mann. Ja, ich schäme mich nicht, ich brauchte dieses persönliche Gegenüber mit dem väterlichen Freund.

Exzellenz
Und dieses Gegenüber...?

Schlageter
Ließ mich erkennen, daß ich einsam bin ... daß ich ganz allein auf mich angewiesen bin!

Exzellenz
Ja, das sind Sie, Schlageter... Das ist jeder von uns. Und welche Folgerungen ziehen Sie daraus?

Schlageter
Ich habe von Ihnen, Exzellenz, gehört, daß das offizielle Deutschland mit uns keine Gemeinschaft wünscht. Wir sind verfemt.
Ich für meine Person bekenne mich zu den Verfemten.
Ich verzichte darauf, ein Held Ihres Vaterlandes zu werden. Ich verzichte sogar darauf, ein Held meines Vaterlandes zu werden. Ich werde Saboteur, Terrorist, Ehrloser, Verfolgter, Zuchthäusler... Es wird gesprengt!

Exzellenz
Ich danke Ihnen, Schlageter.

Schlageter
Ich verstehe diesen Handschlag nicht... Ich verstehe Sie nicht!

Exzellenz
Lassen Sie es sich damit genug sein, daß ich Sie vertehe.

Schlageter
Zu Befehl, Exzellenz.

Exzellenz
Ich habe Ihnen nichts zu befehlen, Schlageter. Im Gegenteil: ich habe Ihnen alles zu verbieten. Eine traurige Charge das ... Seien Sie so klug wie entschlossen ... so listig wie tapfer! Leben Sie wohl!

(Schlageter ab.)

Fünfte Szene

Exzellenz
Er sprengt mit Dynamit! ... Ich mit ihm!!
Seine Person opfern heißt den Schlaf der Nation zerfetzen!
Meine Herren! (Schneider und Klemm treten ein.) Meine Herren, ich habe diesen Jungen verwarnt. (Ganz abgeschlossen.) Ich glaube nicht, daß von dieser Seite noch etwas zu befürchten ist. Sollte etwas geschehen... wider alles Erwarten... so soll die französische Behörde sich Zähne daran ausbeißen. Wir sind völlig unbelastet.

Klemm
Ausgezeichnet! Das Auswärtige Amt wird aufatmen, denn nichts käme ungelegener als eine Trübung der guten Beziehungen zwischen Paris und Berlin.

Exzellenz
Gute Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland? Sie erlauben, Herr Abgeordneter, daß ich als Militär in diesem Punkte einige Reserven habe!

Klemm
Kein Mensch wird sie Ihnen verübeln. Ein Soldat ohne den Glauben an schlechte Beziehungen in der Politik müßte Selbstmord verüben oder mit seinem Säbel Kälber stechen ... Nichts für ungut, Exzellenz, solange Sie leben, wird man ja wohl auch noch Battaillone Uniformen brauchen ... Aber nach uns, nach den letzten Aufräumungsarbeiten, wird es nur noch Arbeit geben und Existenzkampf, aber keinen Krieg.

Exzellenz
Ich beneide Sie um Ihren Glauben!

Klemm
Oh, keinen Reid! Er ist meine Karriere, wie Ihr Glaube die Ihrige.

Exzellenz
Sie sind schlagfertig, Herr Abgeordneter!

Klemm
Sie sprechen das richtige Wort aus. Schlagfertig! Wenn das ganze Volk so schlagfertig ist wie ich ... sind alle Kanonen der Wlet altes Eisen!
(Exzellenz lacht.) Wir verstehen uns ausgezeichnet.

Exzellenz
Gewiß ... daher wollte ich auch gleich eine kleine Bitte der Zivilbehörde unterbreiten. Sie werden zugeben, daß wir das Soldatenspielen im öffentlichen Leben völlig gestrichen haben?

Klemm
Vernünftigerweise! Ein Soldat in einer Weltstadt kommt mir immer wie ein Anachronismus vor...

Exzellenz
Vorläufig sind uns hunderttausend Mann zugebilligt ... Wir bekommen aber keinen Nachwuchs. Sie wissen, wie in England geworden wird?

Klemm
Ja, von den illustrierten Zeitungen her.

Exzellenz
Ich wäre Ihnen nun sehr dankbar, Herr Abgeordneter, wenn Sie in Berlin, in Ihrer Fraktion befürworten möchten, daß wir die Wachen wieder mit klingendem Spiel aufziehen lassen dürften.

Klemm
Hand aufs Herz, Herr General... für den alten Klamauk sind meine Kollegen schwer zu haben. Riecht so sehr nach Kriegsspiel und Reaktion. Ihre Begründung ist freilich einleuchtend ... Werbung ... Also, ich verspreche Ihnen, mich dafür einzusetzen ... Genügt das?

Exzellenz
Ich bin Ihnen durchaus verpflichtet. Ich darf mich empfehlen? Meine Herren... (Ab.)

Sechste Szene

Schneider
Wenn ich bloß wüßte, ob das ein Fuchs ist oder ein dummer Hund.

Klemm
Das ist mir ganz schnurz! Das ist ein Militär. Die Sorte ist mir am liebsten. Mit denen kann man machen, was man will. Wenn man die Macht in der Hand hat... pariert der Schlag Order.
Disziplin! Pflicht!! Gehorsam!!! ... dem Staat gegenüber. Wenn man selber der Staat ist, lieber Schneider, dann ist dieser Schlag unentbehrlich... treu wie Gold. Die Frage ist bloß die: Wünschen wir die kleine Volksbelustigung: Aufziehen der Wache mit klingendem Spiel, oder wünschen wir das nicht? Daß ein General mit seinem Turnverein gern Trara macht, verdenke ich dem Manne nicht. Nur die Wirkung ist zu bedenken.
Hunderttausend können sich in Gottesnamen melden, wenn sich aber eine Million erheben, dann ist unsere Macht riskiert...
Was der General möchte, das ist klar. Was er kann, das ist die Frage!
Ängstlich darf man nicht sein... kleinlich darf man nicht sein. Ich bin für Trara und Tschingbumtrara. Wenn er darum bittet, wird er es brauchen, und wenn er es braucht, steht es um den Wehrwillen schlechter, als wir fürchten.
Das ist ein Schluß, wie?

Siebente Szene
(August Schneider tritt ein.)

Klemm
Ah, der Herr Sohn! Korpsstudent? ... Tscha ... Kleider machen Leute! Ich habe den Lausejungen gekannt, da schnullte er Muttermilch. Rechts und links stand ein Tröpfchen am Schnabel. Ein Prachtbaby bist du gewesen. Was studierst du denn?

August Schneider
Jurisprudenz.

Klemm
Dein Vater und meine Wenigkeit haben keine Jurisprudenz studiert, aber wir haben den Laden geschmissen!
Laß dir dein Köppchen nicht mit Attesten verkleistern! Augen auf... Ohren auf... und Maul aufreißen! Das ist besser als akademische Hämorrhoiden...
Also, lieber Schneider, es bleibt dabei. Ich rücke dir heute abend auf die Bude. Bis dahin! Adjüs!
(Ab.)

Aegwyrt
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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:12

Achte Szene

August
Wer war der Bursche?

Schneider
Halt den Schnabel! Das ist mein Freund Klemm.

August
Der Klemm...? Prominenter Bonze das, wie?

Schneider
Gewöhn dir diesen arroganten Ton ab. Was du bist, dankst du unserer Partei!
Der Klemm macht Minister, mein Junge, wie ein Bäckermeister Brezeln mit der linken Hand. Früher hat an seine Verbeugungen vor einer adeligen Protektion gemacht, jetzt macht man sie vor einem klassenbewußten Parteibonzen. Die Verbeugung ist geblieben...
Und der andere Unterschied kommt mir gelegen! Und dir auch! Das wollte ich dir einmal klar sagen! Wenn du mir nämlich die Nase zu hoch trägst, stoppe ich den Wechsel und stecke dich zu meinem alten Werkmeister in die Lehre!
Der hat Pfoten! Meine hier ... sind Damengröße dagegen. Und eine Backpfeife vom alten Mertel ist was anderes als eine Quart mit dem Schläger. Worauf du dich verlassen kannst!

August
Die schwielige Arbeiterfaust in allen Ehren, Papa ... Brause nur wieder ab... Die Karriere geht in Ordnung. Und ich bin stolz auf dich! Volk ist große Mode. Man trägt Volk. Selbst ist der Mann u.s.w....
Ich brauche mich bestimmt meiner Herkunft nicht zu schämen. Aber ... es geht ja darum, ob die Bonzen den Kram richtig machen. Gut, sie sind in führender Stellung. Wie sie das gemacht haben... fabelhaft. Aber nun kommt die Leistung. Man muß sich bewähren. Die Alten ... die mit der Tradition – ich lerne sie im Korps ungezwungen kennen – die sind nämlich gar nicht so von Pappe! Die Reaktionäre .... die Barone ... die Geheimräte ... die sind gar nicht so ohne ... die haben so etwas Gewisses ... so was Angeborenes...

Schneider
Selbstverständlich... Wir haben alle etwas Angeborenes und alle eine Kinderstube...
Aber jetzt braucht man zum Regieren keine manikürten schmalen Hände ... jetzt braucht es Pfoten, die zugreifen... anpacken...

August
Die schwielige Arbeiterfaust, ich weiß es, Papa... Wer dran rüttelt ist Bourgeois ... und wer sie schüttelt: Genosse!
Du wirst es nicht glauen, Papa, aber es ist so: in der Jugend gelten diese alten Schlagworte nicht mehr... die sterben aus... Klassenkampf stirbt aus.

Schneider
So... und was lebt denn da auf?

August
Volksgemeinschaft!

Schneider
Und das ist kein Schlagwort...?

August
Nein!! Das ist ein Erlebnis!

Schneider
Ach du große Zeit!... Unser Klassenkampf, unsere Streiks... unsere ganze Arbeitsorganisation, das war wohl kein Erlebnis, was...? Der Sozialismus, die Internationale, das waren wohl Phantasien...?

August
Die waren notwendig, aber sie waren ... sind gewesen... Für die Zukunft sind sie historisches Ereignis.

Schneider
So... und die Zukunft hat also deine Volksgemeinschaft?
Ja, was stellt du dir denn da eigentlich darunter vor? Arm, reich, gesund, krank, oben, unten, das hört bei euch alles auf, was? Ein soziales Schlaraffenland, wie...?

August
Siehst du, Papa ... obn, unten, arm, reich, das gibt es immer. Nur wie man diese Frage rangiert, das ist entscheidend.
Wir sehen das Leben nicht in Arbeitszeiten zerhackt und mit Preistafeln versehen, sondern wir glauben an das Dasein als ein Ganzes. Wir wollen alle nicht mehr in erster Linie verdienen, sondern: dienen. Der einzelne ein Blutskörperchen in der Blutbahn seines Volkes.

Schneider
Das ist Pubertätsromantik! Volkserlösung durch Minderjährige. Steckt die Nase erst mal rein in die Wirklichkeit!
Aber Weltanschauung hin und Weltenschauung her ... sprechen wir von etwas ganz Konkretem: Wie steht dein Korps und deine ,,Volksgemeinschaft” zum passiven Widerstand?

August
Den werden wir zur nationalen Erhebung aufputschen!

Schneider
... aufputschen...?

August
Du, als alter Revolutionär, betonst das Wort: Putsch so seltsam. Die Regierung wird mit uns marschieren, oder sie wird verschwinden!

Schneider
Du sprichst mit einem Regierungspräsidenten und der sagt dir: die Regierung wird den Teufel tun!

August
Ich rede ganz gemütlich mit meinem alten Herrn...

Schneider
Dein alter Herr ist Beamter des Staates, der den passiven Widerstand für richtig hält!

August
Und dein Sohn ist Revolutionär!!

Schneider
Mein Sohn ist ein Lausejunge, der hiermit eins hinter die Löffel bekommt ... und nun pariert!!

August
(der heiter lachend ausweicht.) Du haust als Regierungspräsident noch wie als Werkmeister. Soweit geht die Kinderstube richtig! Aber...

Schneider
... aber ... aber ...Wir Alten sind gar nicht so dämlich, wie ihr Grünschnäbel euch das vorstellt. Schlageter und Konsorten sind für euch Nationalhelden... für uns hier sind sie ein Akt!
Schlageter ist ein toter Mann, wenn er nicht auch Order pariert! Die Regierungen Europas sind sich darin alle einig, die letzten Abenteurer und Fanatiker und Brandstifter und Banditen des Weltkriegs müssen ausgerottet werden mit Feuer und Schwert!
Wir wollen den Frieden! Das sage ich dir, mein Junge, und ich stand vier Jahre im Feuer für das Deutschland, wie es heute ist und wie es bleibt, solange ich atme!

August
Nein!!
Und das sage ich dir, der ich keine Ahnung habe von einer Materialschlacht und Trommelfeuer und Flammenwerfern und Tanks.
Wir Jungen, die wir zu Schlageter stehen, wir stehen nicht zu ihm, weil er der letzte Soldat des Weltkrieges ist, sondern weil er der erste Soldat des Dritten Reiches ist!!

(Vorhang.)

Dritter Akt
Erste Szene
(Bühnenbild des ersten Aktes, nur sind überall Karten aufgehängt und ausgebreitet. Links am Tisch arbeiten Schlageter, Thiemann, Übernitz. Rechts eine Gruppe.)

Hausser
(singt zur Ziehharmonika.)
Frau Wirtin hat auch einen Sohn...

August
Wirtinnenverse nicht gefragt!

Wittig
Wirtinnenverse stürmisch haussierend!!

Hausser
Ich bitte als vortragender Künstler um das Wort. Ich muß vermerken, daß meine Wirtinnenverse durchaus den lieblichen Volksliedcharakter wahren, der für dieses Jungmädelinstitut hier berechtigterweise vorausgesetzt wird.

Wittig
Siehst du, Schneider! Du, mit deiner schmutzigen Phantasie, unterbrichst unseren Caruso mitten in der keuschesten Arie...
Nicht immer hält das rote Licht,
Was es dem Wollüstling verspricht.
Oft brüstet es sich nur ,,als ob”
Und regelt den Verkehr mit ,,Stopp”!

Hausser
Also, der Kantus steigt. Ich bitte die titulierte Masse, den Refrain seelenvoll, nachdenklich und pianissimo mitzuseufzen. (Singt.)
Frau Wirtin hat auch einen Knecht,
Der war schon früh um vier...
Stopp!! Diese Strophe, fällt mir eben ein, ist nicht restlos stubenrein... Ganz aus dem Konzept habt ihr mich gebracht! Also noch mal von vorne! (Singt.)
Frau Wirtin hat auch einen Sohn,
Er war der Stolz der Garnison ...
Weil jeder Mann vom Regiment
Bezahlt an sie das Aliment ...

Chor
Weil jeder Mann vom Regiment
Bezahlt an sie das Aliment ...

Hausser
Frau Wirtin hat 'nen Korporal,
Der ihr die Treue anempfahl.
Um solche Treue zu besehn
Kam oft zu ihr der Kapitän ...

Chor
Um solche Treue zu besehn
Kam oft zu ihr der Kapitän ...

Übernitz
Wir können unser Wort nicht verstehen, bei diesem Gesangverein!

Hausser
Mensch, wir können doch nicht geräuschlos singen.

Thiemann
Ihr könntet drüben die Kiste laden...

Hausser
Sie brauchen ja nur zu befehlen, Herr Oberleutnant! Los, Kinder! En avant! Avanti! Forwards!!
(Hausser, Schneider, Wittig ab.)

Aegwyrt
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Re: Hanns Johst / Schlageter (complete German text)

Post by Aegwyrt » 27 Jan 2009 01:12

Zweite Szene

Schlageter
... diese Strecke hier, zwischen Kilometer 36 and 47, ist gut... mit dem Lineal gezogen. Wenn wir in der Mitte sprengen ... kann kein Zug entgleisen.

Übernitz
Die Brüder können einsehen. Auf einem Servierbrett hat die Maus nichts zu suchen!

Schlageter
In der Nacht sind alle Mäuse grau.

Übernitz
Grau ist alle Theorie. Wenn schon Sprengung, dann bitte mit ,,avec”! Warum soll nicht mal ein Zug mit Pariser Pomadebüchsen ein Salto mortale spielen?

Schlageter
Sie wissen so gut wie ich: es fahren Geiseln mit.

Übernitz
... Spiritus, um die Volkseele zum Kochen zu bringen!

Schlageter
Lassen Sie bitte Ihnen Spirituskocher in Ruhe. Die armen Leutchen, die da in ihrem Paletot klappern, wollen Frieden ...

Thiemann
...den kriegen sie ja von uns frei Haus...

Schlageter
Es sind Deutsche.

Übernitz
Wir auch!

Schlageter
Eben! und deswegen wäre es Mord!

Übernitz
Wir schädigen den Feind.

Schlageter
Indem wir ihm Materialschaden zufügen!

Übernitz
Ich bin der Ansicht, ein paar explodierte Seelen wirbeln mehr Staub auf. Bloß mit ein paar Güterzügen kriegen wir die Schangels nicht kirre.

Schlageter
Wir dürfen aber keine Deutschen riskieren.

Übernitz
Es geht um Deutschland! Wir riskieren unsere Knochen auch ... da können ruhig ein paar Deutsche dran glauben.

Schlageter
Dran glauben ..die glauben aber nicht dran!

Übernitz
Die müssen eben! Sind wir Missionare, die mit wollenen Strümpfen und Flanellhemden überzeugen? Pulver zu Pulver.. Staub zu Staub!

Schlageter
Sie gehen auf das Ganze, Rittmeister. Sind Sie auch imstande, das Ganze zu verantworten?

Übernitz
Nichts lieber als das.

Schlageter
Ganz ernsthaft...? Wirklich verantworten...? Tag und Nacht...?

Übernitz
(lachend.) Tag und Nacht, Schlageter! Im Leben und Sterben ... ernsthaft und fröhlich...

Schlageter
Ich danke Ihnen, Kamerad.

Übernitz
Die Aussprache kürzlich, mit dem Offiziellen, hat Wunder gewirkt, was?

Schlageter
Ja, sie hat gewirkt... Wunder? Nein!! Wißt ihr übrigens, was uns blüht, wenn der Hase schief läuft.

Thiemann
Was Frontschweinen immer blüht: der Schlachtviehhof.

Übernitz
Schiefgehen gibt es nicht. Die Sache steigt kerzengerade. Im übrigen sind wir unsterblich.

Thiemann
Unsterblich! Treten Sie sich nicht auf den Schlips, mein Herr! Die Unsterblichkeit ist leider eine Todesursache...

Übernitz
Todesangst?

Thiemann
Nee! aber Lebensfreude!!
Im übrigen: Laßt Blumen sprechen... Höchste Pferdebahn ... müssen Maske machen. (Ruft ins Nachbarzimmer, Türen sind offen geblieben.) Kinder, habt ihr Übernitz schon als belgischen Landser gesehen? Tolle Nummer das!

Schlageter
Also los, Übernitz, hosen Sie sich an. (Übernitz ab.) Zwei schwere Jungen müssen nach Aachen.

Thiemann
Wittig und Gornow sind zwei sichere Kantonisten.

Schlageter
Gut ja... Wittig und Gornow! (Die zwei treten ins Zimmer.) Nur Browning in die Hosentasche. Außerdem: jeder eine Reservekluft für Übernitz im Rucksack. Verstanden? Falls der eine geklappt wird, tritt automatisch der andere in Aktion.

Hausser
(kommt von nebenan.) Was baut eigentlich Übernitz auf?

Thiemann
Steigt in einen belgischen Militärtransportzug und steigt vor Brücke 19 wieder aus ... Er vergißt dabei nur deinen Regulator...

Hausser
Mein Wecker geht klar ... auf die Sekunde. Hoffentlich die Lokomotive auch... Und Roß und Reiter sah man niemals wieder, dafür garantiere ich!

Übernitz
(eingekleidet.) ... Bon jour, camerades ...

Thiemann
Ist das dein ganzes Französisch?

Übernitz
Außerdem noch sechs Flüche.

Thiemann
Dann kann dir nichts passieren.

Schlageter
Baun Sie sich einmal auf... Pomade in die Haare! Dieses germanische Lockengeröll, Mensch, Sie sind naiv ... Und die Pfoten ...? Sie haben ja Hände wie Pilatus! in lauter Unschuld frisch gewaschen!! Rin damit in den Ofen ... schwarze Fingernägel... Die Schuhe sind oberfaul, da blinzelt deutscher Komis durch.

Übernitz
Klaue ich mir ein Paar in Hörde, beim Umsteigen.

Schlageter
Alles sonst in Ordnung? Paß?

Hausser
(gibt ihm in einem belgischen Tornister die Bombe.) Hier ist die Wegzehrung, wie Mutter sagt. Die Konservenbüchse funktioniert. Der Zeitdreh ist hier... Alles klar?

Thiemann
Spätestens zweihundert Meter vor der Brücke abspringen. Die Brücke ist bewacht. Die Brüder fahren aber die Brücken schön langsam an... Sie werden gut abkommen... Gehen Sie mit der Zeit dem Funken lieber dreißig Sekunden zu...

Übernitz
Noch eine Ansichtspostkarte gefällig?

Schlageter
Hausser, das Motorrad steht an der Schillerstraße. Papiere in der Seitentasche. Der kleine Erich hat's angefahren. (Er sieht nach der Uhr.) Er steht bereits seit drei Minuten... Ihr kennt euch nicht!

Übernitz
(ist inzwischen in einen Motorradüberzug gesteigen.) Melde mich fertig.

Schlageter
Gut! Aktion einundzwanzig steigt.

Thiemann
Geben Sie mit Ihrer Prothese nicht zuviel Gas, Hausser! Ihr habt Zeit...

Hausser
... und gießt die Blattpflanzen und füttert die Goldfische und laßt den Gashahn nicht offen... Haltet den Daumen, Kinder, schließlich müßt ihr nicht immer dran lutschen. Servus!

Schlageter
(gibt Übernitz die Hand.) Deutschland!

Übernitz
(geht in Stellung.) Deutschland!!
(Alle geben einander Auge in Auge die Hand. Übernitz und Hausser ab.)

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